Der Elessar

I Elessar Edhellen 'lirnen

Der Elessar  

 

Quelle: J. R. R. Tolkien, Nachrichten aus Mittelerde, Teil II, "DAS ZWEITE ZEITALTER", IV Die Geschichte von Galadriel und Celeborn und von Amroth, König von Lórien 

 

Es war in Gondolin ein Edelsteinschmied namens Enerdhil, der größte dieser Zunft unter den Noldor nach Feanors Tod. Er liebte alles, was wuchs und grünte, und sein größtes Entzücken war es, das Sonnenlicht durch die Blätter der Bäume scheinen zu sehen. Und es kam ihm in den Sinn, einen Edelstein zu schaffen, in dem das reine Licht der Sonne eingefangen sein sollte, doch der Stein sollte grün sein wie die Blätter. Und er machte diesen Stein, den sogar die Noldor bestaunten. Denn es heißt, daß diejenigen, die durch diesen Stein Verdorrtes oder Verbranntes betrachteten, dieses wieder geheilt sahen oder als wäre es in der Anmut seiner Jugend; und die Hände dessen, der den Stein hielt, brachten allem, was sie berührten, Heilung von Wunden. Diesen Stein gab Enerdhil der Königstochter Idril, und sie trug ihn auf der Brust; und so wurde er vor dem Brand Gondolins bewahrt. Und bevor Idril in See ging, sagte sie zu ihrem Sohn Earendil: »Den Elessar lasse ich bei dir, denn in Mittelerde wird es schmerzhafte Wunden geben, die du heilen sollst. Doch du sollst ihn keinem anderen geben.« Und wirklich gab es in den Anfurten des Sirion bei Menschen und Elben viele Wunden zu heilen und auch bei Tieren, die vor dem Schrecken des Nordens dorthin flohen. Und solange Earendil dort wohnte, wurden sie geheilt und blühten auf, und alles war für eine Weile grün und schön. Doch als Earendil seine großen Schiffsreisen begann, trug er den Elessar auf seiner Brust, denn bei all seinem Suchen stand ihm immer der Gedanke vor Augen, daß er Idril vielleicht wiederfinden könnte; und seine früheste Erinnerung an Mittelerde war der grüne Stein auf ihrer Brust, wie sie an seiner Wiege sang und als Gondolin noch in Blüte stand. So geschah es, daß der Elessar verschwand, als Earendil nicht mehr nach Mittelerde zurückkehrte.

In späteren Zeitaltern gab es wiederum einen Elessar, von dem man sich zweierlei Geschichten erzählte. Doch nur jene Weisen, die nun längst gestorben sind, könnten sagen, welche von ihnen die Wahrheit enthielt. Denn die einen sagen, daß der zweite nur der durch die Gnade der Valar zurückgekehrte erste war; und daß Olórin (der in Mittelerde als Mithrandir bekannt war) ihn aus dem Westen mitbrachte. Und einmal kam Olórin zu Galadriel, die nun unter den Bäumen des Großen Grünwaldes wohnte, und sie sprachen lange miteinander. Denn die Jahre ihres Exils begannen schwer auf der Herrin der Noldor zu lasten, und es verlangte sie nach Nachrichten von ihrer Sippe und vom gesegneten Land ihrer Geburt, doch es war ihr noch nicht erlaubt, Mittelerde zu verlassen. Und nachdem Olórin ihr viele Neuigkeiten berichtet hatte, seufzte sie und sagte: »Ich leide Kummer in Mittelerde, weil die Blätter fallen und die Blumen verwelken. Und mein Herz ist betrübt, wenn es sich an Bäume und Gräser erinnert, die nicht sterben. In meiner Heimat würde ich sie haben.« Darauf sagte Olórin: »Hättest du dann den Elessar?« Und Galadriel sagte: »Wo ist der Stein Earendils jetzt? Und Enerdhil ist verschwunden, der ihn gemacht hat.« - »Wer kann das wissen?« sagte Olórin. »Sicherlich sind sie übers Meer gefahren«, sagte Galadriel, »wie fast alle schönen Dinge dazu. Muß denn Mittelerde auf immer verwelken und verderben?« - »Das ist ihr Schicksal«, sagte Olórin. »Doch wenn der Elessar zurückkehrte, könnte dies für eine kurze Zeit gebessert werden. Kurz nur, bis die Tage der Menschen gekommen sind.« - »Ja, wenn - und wie könnte das geschehen?« fragte Galadriel. »Denn die Valar haben sich nun fortbegeben, und Mittelerde steht ihren Gedanken fern, und alle, die sich an Mittelerde klammern, sind unter einem Schatten.« - »So ist es nicht«, erwiderte Olórin. »Die Augen der Valar sind nicht verdunkelt und ihre Herzen nicht verhärtet. Als Zeichen dessen, sieh dies!« Und er hielt ihr den Elessar hin, und sie schaute den Stein voll Verwunderung an. »Diesen Stein bringe ich dir von Yavanna. Verwende ihn, wie du magst, und für eine Zeitlang kannst du das Land, in dem du wohnst, zu einem der schönsten Orte in Mittelerde machen. Doch er geht nicht in deinen Besitz über. Du sollst ihn weitergeben, wenn die Zeit kommt. Denn bevor du mißmutig wirst und schließlich Mittelerde verlässt, wird einer kommen, der ihn empfangen soll, und er wird heißen wie dieser Stein: Elessar wird sein Name sein.«

Eine andere Geschichte lautet so: Vor langer Zeit, bevor Sauron die Schmiede von Eregion betrog, kam Galadriel dorthin und sagte zu Celebrimbor, dem Oberhaupt der Elbenschmiede: »Kummer befällt mich in Mittelerde, weil die Blätter fallen und die Blumen welken, die ich liebte, so daß das Land, in dem ich wohne, voll des Jammers ist, den kein Frühling wiedergutmachen kann.« - »Wie kann es für die Eldar anders sein, wenn sie sich an Mittelerde klammern?« sagte Celebrimbor. »Willst du denn übers Meer fahren?« - »Nein«, sagte sie. »Angrod ist fort, Aegnor ist fort, und Felagund ist nicht mehr. Von den Kindern Finarfins bin ich das letzte. Aber noch ist mein Herz stolz. Welches Unrecht hat das Haus Finarfins begangen, daß ich die Valar um Verzeihung bitten oder mich mit einer Insel im Meer zufriedengeben sollte, ich, deren Geburtsland das Gesegnete Aman war? Hier bin ich mächtiger.« - »Was möchtest du dann?« fragte Celebrimbor. »Ich möchte Blumen und Gräser um mich haben, die nicht sterben - hier in meinem Land«, antwortete sie. »Was ist aus der Kunst der Eldar geworden?« Und Celebrimbor sagte: »Wo ist der Stein Earendils jetzt? Und Enerdhil, der ihn gemacht hat, ist verschwunden.« - »Sie sind übers Meer gefahren«, sagte Galadriel, »mit fast allen schönen Dingen dazu. Aber muß denn Mittelerde auf immer welken und verderben?« - »Das ist ihr Schicksal, glaube ich«, sagte Celebrimbor. »Doch du weißt, daß ich dich liebe (obwohl du dich Celeborn von den Bäumen zugewandt hast), und für diese Liebe will ich tun, was ich vermag, wenn durch meine Kunst dein Kummer vielleicht vermindert werden kann.«

Doch er sagte ihr nicht, daß er selbst vor langer Zeit in Gondolin gewesen war und ein Freund Enerdhils, obwohl dieser ihn in den meisten Dingen übertraf. Wäre Enerdhil nämlich nicht gewesen, wäre Celebrimbor berühmter geworden. Deshalb dachte er nach und begann eine lange und knifflige Arbeit; und so schuf er für Galadriel das bedeutendste seiner Werke (nur die Drei Ringe ausgenommen). Und es heißt, daß der grüne Stein, den er machte, feiner und klarer war als der Enerdhils, doch sein Feuer hatte weniger Kraft. Während Enerdhils Stein nämlich vom jungen Sonnenlicht erleuchtet worden war, waren bereits viele Jahre vergangen, als Celebrimbor mit der Arbeit begann; und nirgendwo in Mittelerde war das Sonnenlicht noch so klar, wie es einst gewesen war, denn wenn Morgoth auch in die Leere hinausgeworfen worden war und nicht wieder eindringen konnte, lag doch sein ferner Schatten auf Mittelerde. Dennoch strahlte Celebrimbors Elessar; und er faßte ihn in eine große silberne Brosche von der Form eines Adlers, der mit ausgebreiteten Flügeln aufstieg. Wenn sie den Elessar trug, wurde alles in Galadriels Umgebung schön, bis der Schatten auf den Wald fiel. Doch später, als Nenya, der Erste der Drei, ihr von Celebrimbor gesandt wurde, brauchte sie ihn nicht mehr (wie sie dachte) und gab ihn ihrer Tochter Celebrían, und so gelangte er an Arwen und Aragorn, der Elessar genannt wurde.

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