(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)
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Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!
Wenn jemand nicht gerade einen Befehl ausgeben will (wie höflich auch immer), sondern einfach einen Wunsch ausdrücken will, dass etwas getan werden möchte oder passieren sollte, dann hat Quenya dafür eine spezielle „Wunsch-Formel“.
Gegen Ende
des Namárië finden wir folgende
Zeilen: Nai hiruvalyë Valimar! Nai elyë hiruva! Im LotR ist das übersetzt mit „maybe
thou wilt find Valimar! Maybe even thou wilt find it!“. Das Wort nai wird hier im Englischen wiedergegeben mit „maybe“,
aber an anderer Stelle deutete Tolkien an, dass dieses Quenyawort nicht einfach
nur impliziert, dass etwas möglich ist.
Er merkte an, dass nai „expresses rather a wish than a hope, and would
be more closely rendered ‚may it be that’ (thou wilt find), than by ‚maybe’“
(„eher einen Wunsch ausdrückt als eine Hoffnung, und dass es genauer
wiedergegeben würde mit ‚möge es sein, dass’ (du finden wirst), als ‚könnte
sein’“, RGEO:68)
Wir fragen uns vielleicht, warum er an erster Stelle die „irreführende“ Übersetzung
maybe verwendete; möglicherweise fließen
hier „konzeptionelle Entwicklungen“ ein (z. B. änderte Tolkien seine
Ansicht über die präzise Bedeutung eines Quenyatextes, den er bereits veröffentlicht
hatte!) Jedenfalls war seine letzte Entscheidung hinsichtlich der Bedeutung der
Wendung nai hiruvalyë Valimar, dass es zu übersetzen sei mit „sei
es, dass du Valimar finden wirst“ „möge es sein, dass du Valimar
finden wirst“. Nai elyë hiruva bedeutet dementsprechend
„möge es sein, dass du [es] findest“. (Das Wort elyë
„auch du“ taucht hier auf als ein betontes, unabhängiges Pronomen, das der
Endung -lyë „du“, während Valimar hier als Alternative steht
zu Valinor: Galadriel, die das Namárië singt, drückt auf diese Weise einen Wunsch aus, dass
Frodo möglicherweise das Segensreich „finden“ oder dorthin kommen möge -
und wie wir uns erinnern, gingen am Ende beide, sowohl Galadriel als auch er, am
Ende über das Meer. )
Wir haben einen weiteren Beleg von nai als Wunschformel. Sie taucht
in Cirions Eid auf, Cirion drückt
hier einen Wunsch aus, dass die Valar den Eid schützen möchten: Nai
tiruvantes, „be it that they will guard [/watch over] it“ („mögen
sie über ihn wachen“). Tolkien
merkte an, dass dies so ziemlich wörtlich „may they guard it“, „mögen
sie ihn bewachen“ bedeutet (UT:305, 317).
Was die eigentliche Bedeutung des Wortes nai selbst angeht, so
deutet Tolkien an, dass dies ziemlich wörtlich „be (it) that“, „sei (es)
dass“, „möge es sein, dass“ bedeute: Er leitete das Quenya nai ab
von früherem nâ-i (RGEO:68). Der nâ-Teil scheint dabei das Element „möge“, „sei“
wiederzugeben, zweifelsohne eng verwandt mit der Quenya-Kopula ná
„ist“, selbst eine Form des Verbs „sein“. Das finale i
muss jenes Element sein, das dem „dass“ entspricht von „sei (es) dass“,
dieses i ist sicher als Verwandtschaft
gedacht zu dem Quenya-Artikel i „der, die, das“.
Was immer der genaue Ursprung oder die eigentliche Bedeutung von nai
sein mag, es ist ein nützliches Wort, das offensichtlich vor jeden Satz
gestellt werden kann, der ein Verb in der Zukunftsform enthält, und aus einer
einfachen Feststellung über die Zukunft einen Wunsch für die Zukunft macht:
· Elda tuluva coalvanna „ein Elb wird zu unserem Haus kommen“ > Nai Elda tuluva coalvanna! „ möge ein Elb zu unserem Haus kommen!“ = „(Ich) wünsche, dass ein Elb zu unserem Haus kommen wird!“
· Hiruvan i malta „Ich werde das Gold finden“ > Nai hiruvan i malta! „möge ich das Gold finden“ = „wünsche, dass ich das Gold finden werde“
· Caruvantes „sie werden es tun“ > nai caruvantes! „nögen sie es tun“ = „wünsche, dass sie es tun werden!“
In
Peter Jacksons Die Gefährten hört
man Saruman ein Beispiel für eine nai-Formel
rezitieren, in der Szene, in der er auf der Spitze des Orthanc steht und Beschwörungen
liest, um eine Lawine auf die Gefährten herabstürzen zu lassen. Er ruft den
Berg an: Nai yarvaxëa
rasselya taltuva notto-carinnar! = ”Möge dein blutbeflecktes Haupt über die Köpfe der Feinde hereinbrechen!” (Der
Schauspieler macht vor taltuva “wird herein (zusammen-)brechen” eine
Pause; Christopher Lee, der Saruman spielt, hat vielleicht nicht verstanden,
dass er nur einen einzigen Satz ausspricht und keine zwei!)
In unseren attestierten Beispielen wird nai mit der Zukunft verbunden, aber da wir nur drei Beispiele haben, kann es nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden, dass nai auch in Verbindung mit anderen Zeiten verwendet werden kann. (Man könnte sogar sagen, dass wir nur zwei Beispiele haben, Cirions Eid + Namárië, da die beiden Beispiele einer nai-Formel gegen Ende des Namárië ziemlich ähnlich sind.) Vielleicht kann nai auch die Hoffnung des Sprechers ausdrücken, dass ein bestimmter Wunsch gerade erfüllt wird, oder in der Vergangenheit bereits erfüllt wurde - wobei der Sprechende noch nicht weiß, ob der Wunsch in Erfüllung ging oder nicht. Wenn ja, könnten wir vielleicht Konstrukte bilden wie nai tíras „möge er (sie) aufpassen“ = „ich hoffe, dass er (sie) aufpasst“ (mit der Verlaufsform der Gegenwart von tir- „wachen, bewachen, beobachten“, nai hirnentes! „sei es, dass sie ihn fanden“ = „ich hoffe, dass sie ihn fanden“ (mit der 1. Vergangenheit von hir- „finden“), oder nai utúlies „möge er (sie) gekommen sein“ = „ich hoffe, er (sie) ist gekommen“ (mit dem Perfekt von tul- „kommen“). Doch in den Übungen unten wird nai nur mit der Zukunft kombiniert - wie in unseren attestierten Beispielen.