Autor: Helge Fauskanger - Übs. B. Raßbach
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Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!
(was unvermeidlich eine Behandlung verschiedener Unklarheiten hinsichtlich der Zweiten Person mit sich bringt)
Alle
bis jetzt behandelten Pronomen waren Endungen. Doch Quenya kennt auch Pronomen,
die als unabhängige Wörter erscheinen. Einige von ihnen sind betonend; das
Pronomen erscheint als eigenes Wort, um ihm spezielle Betonung zu verleihen;
diese betonenden Pronomen werden wir in der nächsten Lektion besprechen. Hier
werden wir uns auf die einfachsten unabhängigen pronominalen Elemente beschränken.
Wir
haben schon Quenyasätze behandelt, in denen das Dativpronomen nin
„mir“ vorkommt. Die Dativendung -n
ist hier an ein unabhängiges Wort für „ich“, ni, angehängt, das als solches attestiert ist in dem „Arctic“-Satz,
der in The Father Christmas Letters
erwähnt ist. (Obwohl diese posthum veröffentlichte Arbeit von Tolkien nichts
mit der Arda-Mythologie zu tun hat, ist leicht zu erkennen, dass der „Arctic“-Satz
eine Form von Quenya ist.) Der relevante Teil des Satzes lautet ni
véla tye, „ich sehe dich“. Das Verb „sehen“ lautet hier
offensichtlich vel- und nicht cen-
(vielleicht ist vel- „sehen“ im
Sinn von „treffen“?), aber viel bemerkenswerter ist die Tatsache, dass für
das Subjekt „ich“ anstelle der Endung ‑n
oder -nyë das unabhängige Pronomen ni
verwendet wird. Es scheint hier keinen offensichtlichen „Grund“ für diese
Abweichung vom normalen System zu geben. Es wurde angenommen, dass Tolkien die
Sprache möglicherweise „vereinfacht“ hat, um es für die Zielgruppe der
kindlichen Zuhörer leichter zu machen, herauszufinden, wofür welches Wort
steht. Doch da der letztere Teil des „Arctic“-Satzes einen ziemlich
komplexen grammatikalischen Aufbau aufweist, der mit Sicherheit nicht das wörtliche
Gegenstück zur englischen Übersetzung darstellt, können wir diese Sprache
kaum für „vereinfacht“ halten. Für „ich“ als Subjekt wird
normalerweise die Endung -n (yë),
angehängt ans Verb, bevorzugt, aber das unabhängige Wort ni
könnte eine gültige Alternative sein. Es sei angemerkt, dass in einer von
Tolkiens skizzierten Versionen für Elendils Proklamation das Wort, das schließlich
maruvan „ich werde bleiben /
wohnen“ heißen wird, als nimaruva
erscheint, wobei Tolkien ni-
„ich“ als Vorsilbe einsetzt: SD:56. (es könnte aber sein, dass die Idee von
Subjekt-Vorsilben fallengelassen
wurde; es wurde niemals ein nach HdR datierter Beweis für solche Vorsilben veröffentlicht.
Wenn wir ein unabhängiges Pronomen ni
anstelle der Endung -n verwenden
wollen, würde ich es als eigenes Wort stehen lassen: Ni maruva.)
Abgesehen
von ni finden wir eine Handvoll
anderer unabhängiger Pronomen attestiert. Ein solches Pronomen ist ta,
das „es“ oder „das“ bedeutet (siehe Etym, Eintrag ta
- das Demonstrativpronomen tana
„jene(r/s)“ ist natürlich verwandt). Eine relativ frühe Quelle lässt
vermuten, dass es Fallendungen erhalten kann. Der Zehn-Wörter-Koivienéni-Satz,
der in Vinyar Tengwar #27 veröffentlicht
wurde, ist in seiner Gesamtheit nicht im Stil des HdR-Quenya, aber die kurze
Wendung Orome tanna lende (übersetzt
„Orome came thither“. „Orome kam dorthin“) könnte gut eine gültige
Formulierung geblieben sein, nachdem sich „Qenya“ zu dem „Quenya“
entwickelt hatte, wie wir es aus späteren Quellen kennen. Das Wort tanna
„dorthin“ scheint ta „das, es“
darzustellen, mit einer regelmäßigen Allativendung -nna,
also „zu jenem [Platz]“ = „dorthin“.
Im
Namárië taucht in der Wendung imbë
met = „zwischen uns“ ein unabhängiges Pronomen auf. Das ist ein duales
Pronomen, das sich auf Galadriel und Varda bezieht, folglich enthält met
die duale Endung -t (auch von Hauptwörtern
her bekannt), um anzuzeigen, dass zwei Personen betroffen sind. Wenn wir die
duale Endung weglassen, bleibt uns me,
das wahrscheinlich sowohl „wir“ (Subjektform) und „uns“ (Objektform)
abdeckt. In unserem Beispiel handelt es sich um ein ausschließendes
„wir/uns“, der Endung -lmë
entsprechend, die offensichtlich eng verwandt ist. Die angesprochene Gruppe ist
nicht eingeschlossen (Galadriel sang zu
Frodo über sich selbst und Varda). me
ist auch mit angehängten Fallendungen belegt: Dativ men
= „uns“ (mit der Dativendung -n),
Ablativ mello „von uns“ (mit der
Ablativendung -llo). Siehe VT43:18-19.
Die
Endung -lyë „dich“ entspricht einem
unabhängigen Pronomen le, das
offensichtlich in frühen Formen von Elbisch gegenwärtig war (WJ:363). In
Sindarin war es verloren, aber es ist genau dieser Umstand, der uns erlaubt, mit
Bestimmtheit zu sagen, dass es in Quenya überlebte: In seinen Aufzeichnungen zu
der Sindarin-Hymne A Elbereth Gilthoniel
stellt Tolkien fest, dass das ehrerbietige Pronomen der 2. Person, le,
das in diesem grauelbischen Text auftaucht, aus Quenya geborgt worden
war (RGEO:73).
ANMERKUNG: Nachdem ich die erste Version dieses Kurses fertig hatte, wurde ich von einem Bob Argent kontaktiert, der einen Brief gekauft hatte, den Tolkien einem Leser als Antwort geschrieben hatte: er ist datiert auf den 16. Januar 1968. Unter seine Unterschrift schrieb Tolkien eine Zeile in Quenya: Nai elen siluva lyenna. Ich konnte Mr. Argent mitteilen, dass dies offensichtlich „möge ein Stern auf dich scheinen“ bedeutet, aber die Form lyenna „auf dich“ war etwas überraschend. Wenn wir die Allativendung -na weglassen, bleibt uns lye als unabhängiges Pronomen „dich“. Diese Form lye verbindet noch deutlicher mit der Endung -lyë, obwohl dies ein absolut einmaliges Beispiel eines Wortes mit initialem ly (palatalem l) darstellt. Es gibt nun einige Zeugnisse, dass in gewissen Quenya-Versionen Tolkien die Endung -lyë als eigenständiges Einzahl-„dich“ haben wollte, wohingegen eine Endung -llë verwendet wurde für den Plural „euch“. Vielleicht wollte er hier auch eine ähnliche Unterscheidung bei den unabhängigen Pronomen für „dich“, so dass wir lye hätten für „dich“, aber den Plural le „euch“. Doch gibt es auch Zeugnis dafür, dass le in anderen Quenya-Versionen sowohl für den Singular „dich“ als auch für den Plural „euch“ steht (siehe VT43:28, 36 hinsichtlich der Form óle, offensichtlich mit der Bedeutung „mit dir / euch“, das Tolkien sowohl in der Singular- als auch in der Plural-Spalte der Pronomentafel auflistete). In den Übungen, die ich für diesen Kurs erstellte, verwende ich nur le, aber der Student sollte lye als mögliches unabhängiges Pronomen für die Einzahl „dich“ beachten.
Auf
dem Feld von Cormallen pries die Menge Frodo und Sam mit den Worten a
laita te, laita te, in Letters:308 übersetzt mit „bless them, bless them“
(„preist sie, preist sie“). Somit haben wir te
als ein unabhängiges Objekt-Pronomen
„sie“. (Für diese Bedeutung liefert uns das Cormallen Praise auch die schon
behandelte Endung -t,
wie in laituvalmet = „we shall
bless them“ („wir werden sie preisen“). Wahrscheinlich sind das Pronomen te
und die Endung -t verwandt.) Ob dieses
te auch als Subjektform („sie“)
verwendet werden kann, ist unglücklicherweise nicht klar.
Dieses
te ist möglicherweise verwandt mit
dem Wort ta „das, es“, das wir
oben besprochen haben: Es könnte gut sein, dass ta
früh die Pluralendung -i erhielt, was
zu der Form tai führte, als sei es
die Pluralform von „jenes“ - folglich mit einer Bedeutung wie „jene“
oder tatsächlich „sie“. Nach dieser Theorie ist die attestierte Form te
einfach die unbetonte Variante von tai
(vgl. Adjektive auf -a mit
Pluralformen auf -ë, die vereinfachte
Form eines älteren -ai).
Interessanterweise ist die Dativform „für sie, ihnen“ offensichtlich
attestiert als tien, in einer Zeile
der Übersetzung des Vaterunser von Tolkien: Ámen
apsenë úcaremmar sív’ emmë apsenet tien i úcarer emmen,
offensichtlich = "forgive us our trespasses as we forgive them for [the
benefit of] them/those that trespass against us", das sind auf Deutsch die
Zeilen „vergib uns unsere Sünden, wie auch wir sie vergeben unseren
Schuldigern (jenen, die gegen uns sündigen). Dieses tien
könnte sehr gut für das ältere taien
stehen, das tai „jene“ wäre + dem
verbindenden Vokal -e- + Dativendung -n.
An dieser Stelle wird der Diphthong ai
zu einem e reduziert, und da sich
taien folgerichtig in te’en
= tëen verwandelt, wird diese
ziemlich instabile Form zu tien nach
genau demselben Mechanismus, der auch aus (laureai>)
laurëe laurië
macht (die Pluralform des Adjektivs laurëa
„golden“). Wir könnten annehmen, dass die Allativform „zu ihnen“ dann
ähnlich tienna wäre, wogegen der
Ablativ „von ihnen“ tiello wäre.
Diese Formen würden zusammenfallen mit den entsprechenden Fallformen des
Hauptwortes tië „Pfad“, aber im
Kontext sollte man im Normalfall in der Lage sein, herauszubekommen, was die
beabsichtigte Bedeutung ist.
ANMERKUNG/UPDATE: In VT43 (Januar 2002) neu veröffentlichtes Material warf mehr Licht auf die Pronomen für „sie/ihnen“, zumindest wie Tolkien sie in einer Phase sah. Nach VT43:20 gibt es „eine nicht veröffentlichte Diskussion über Pronomenstämme im Common Eldarin (ca. 1940er)“. Vermutlich listet diese Diskussion te als Stamm für das Pronomen „sie“ auf, wenn es sich auf Personen bezieht. Auf der anderen Seite ist ta der entsprechende Stamm für das Pronomen „sie“, wenn das Pronomen auf unbelebte Dinge oder Abstraktes verweist. Wenn ta und te „von Anfang an“ als eigenständige Wurzeln existieren, würde das natürlich die oben präsentierte Theorie durcheinander bringen - dass te nur eine reduzierte Form von tai sei, als Pluralform von ta „das, es“. Tatsächlich könnte es scheinen, als sei ta mit einer Plural-Bedeutung „sie“ (mit Verweis nur auf unbelebte und abstrakte Dinge) das veraltete Singular-Pronomen ta „das, es“, das in früherem Material zu finden ist. Es gibt einige Hinweise, dass ta in seiner ursprünglichen Singularbedeutung später wieder eingesetzt wurde (siehe weiter unten hinsichtlich der Form tai, offensichtlich „dasjenige, welches“, in einer späteren Quelle auftauchend) - aber nichts ist so komplex und veränderlich wie die Quenya-Pronomentafeln, denn Tolkien änderte in den Details unaufhörlich seine Meinung. In den Übungen unten habe ich dieses System eingehalten: ta wird wie in den Etymologies verwendet für „es, das“, te wird eingesetzt für „sie“ (Objekt) wie im HdR, und das Pronomen „sie“ erscheint als tie-, wenn Fallendungen angehängt werden, wie in der Dativform tien in Tolkiens Quenya-Vaterunser (doch der Ursprung dieser Form muss noch erklärt werden). Lassen Sie niemanden glauben, das sei das letzte Wort in dem Versuch, ein Minimum an Sinn in Tolkiens Pronomen-Chaos zu bringen!
Ein
anderes attestiertes Objektpronomen ist tye,
übersetzt „dich“. Wir haben schon die Wendung ni
véla tye „ich sehe dich“ aus dem „Arctic“-Satz angesprochen. Andere
Zeugnisse kommen aus einer Quelle, die etwas eindeutiger Quenya oder zumindest
„Qenya“ ist: In LR:61 wendet sich Herendil an seinen Vater Elendil mit den
Worten atarinya tye-melánë, „mein
Vater, ich liebe dich (thee)“, und Elendil antwortet, a
yonya inyë tye-méla, „und ich, mein Sohn, liebe dich auch“. Es gibt
hier einiges Fremdartiges (wie im ersten Satz -në
statt -nyë oder -n
als Pronomenendung für „ich“), aber es ist zumindest klar, dass tye
das Objektpronomen „dich“ („thee“) ist, und das ist vermutlich auch im
Quenya im HdR-Stil eine gültige Form.
An
diesem Punkt sei angemerkt dass Quenya (mindestens) zwei
Pronomensätze für die zweite Person hat. Das Objektpronomen tye
ist nicht „kompatibel“ mit der Endung -l(yë)
oder mit dem korrespondierenden unabhängigen Pronomen le
(oder lye), obwohl sie alle mit
„du“ übersetzt werden könnten. Wir müssen unterscheiden zwischen den „L“-Formen,
die durch die Endung -l(yë)
und das unabhängige Pronomen le repräsentiert
werden, und den „T“-Formen, repräsentiert durch das Objekt-Pronomen tye
und auch durch die Verbendung -t,
beispielhaft in WJ:364 (mehr über letzteres in der nächsten Lektion; es darf
nicht verwechselt werden mit -t =
„sie“ wie in laituvalmet = „wir
werden sie preisen“). Alle diese Pronomen und Endungen haben mit der
Vorstellung von „du“ zu tun, aber Tolkien scheint in der Frage, was den
grundlegenden Unterschied zwischen den T-Formen und den L-Formen ausmacht,
seinen Sinn nach vorne und wieder zurück geändert zu haben. In der zurückliegenden
Lektion 8 haben wir eine Passage zitiert, die ursprünglich in die Anhänge des
HdR eingehen sollte, aber die dort schließlich nicht auftauchte: Tolkien
stellte fest, dass „all these languages...had, or originally had, no
distinction between the singular and plural of the second person pronouns; but
they had a marked distinction between the familiar
forms and the courteous“ (all diese
Sprachen keine Unterscheidung hatten (oder ursprünglich hatten) zwischen
Einzahl und Mehrzahl hinsichtlich der Pronomen der 2. Person; aber es gab einen
erklärten Unterschied zwischen familiären
und höflichen Formen“, PM:42-43).
Die Vorstellung, dass es keinen Unterschied gab zwischen Einzahl und Mehrzahl
„du / ihr“, stimmt zweifelsohne kaum für alle Varianten von Quenya, mit
denen Tolkien spielte, aber die Vorstellung eines grundlegenden Unterschieds
zwischen familiären und höflichen Formen könnte ein dauerhafteres Konzept
sein.
Innerhalb
dieses Schemas würden die „L“-Formen ein förmliches und höfliches
„du“ darstellen (unserer höflichen Anrede „Sie“ entsprechend; ersetzte
das früher durchaus auch im Deutschen gebräuchliche ehrerbietige „Ihr“,
das sich heute noch wiederspiegelt z. B. in Anreden wie „Euer Ehren“,
„Euer Exzellenz“, „Euer Hochwürden“;), während die „T“-Formen ein
familiäres, vertrautes „du“ signalisieren, verwendet gegenüber engen
Freunden und Familienmitgliedern. Das würde gut übereinstimmen mit den
Zeugnissen: Im Námarië verwendet
Galadriel natürlich „L“-Formen, wo sie sich an einen relativ fremden wie
Frodo wendet, und in Sindarin wird das aus Quenya geborgte le
verwendet als eine ehrfürchtige Einzahl „thee“ („dich“, vielleicht
treffender übersetzt mit „Sie“, wie in der Hymne A
Elbereth Gilthoniel, wo Varda den angesprochenen Part darstellt). Auf der
anderen Seite würde Herendil offensichtlich eine „T“-Form verwenden, wenn
er sich an seinen eigenen Vater wendet. Wenn Tolkien tye
in diesem letzteren Beispiel mit „thee“ übersetzte anstatt mit „you“,
verstand er es wahrscheinlich als vertraute und nicht als vor allem feierliche
Form (obwohl er zu unserer Verwirrung „thou/thee“ auch verwendete, um ein
formelles oder höfliches „dich“ auszudrücken; tatsächlich ist das die
Art, in der er die „L“-Formen sowohl im Namárië
als auch in A Elbereth Gilthoniel
wiedergab).
Was
weniger gut
mit dieser Rekonstruktion übereinstimmt, ist die Tatsache, dass in WJ:364
Tolkien anzudeuten scheint, dass die „L“-Formen ein Plural-„du“
darstellen, während die „T“-Formen für die Einzahl
„du“ stehen. Das steht in scharfem Gegensatz zu seiner früheren
Feststellung über den Effekt, dass Elbisch (genau wie das Englische) keinen
Unterschied macht zwischen Einzahl „du“ und Mehrzahl „ihr“ - aber dann könnte
sich das als eine nicht sehr anhaltende Vorstellung herausgestellt haben. „L“-Formen
werden im Namárië unzweifelhaft im
Sinne einer Einzahl verwendet, da Tolkien sie übersetzte unter Verwendung des
englischen Singular-Pronomens „thou“.
Ich denke, die einzige Lösung, die all das Material einigermaßen verbindet,
die Annahme ist, dass die „T“-Formen klar die Einzahl „du“ anzeigen, während
die „L“-Formen klar den Plural „ihr“ bezeichnen - aber die letzteren
Formen werden auch als höfliche Einzahl
„du“ verwendet (so im Namárië;).
Grundsätzlich sollte man also nicht
die Objektform tye für „dich“
verwenden, wenn man auf der anderen Seite „L“-Formen wie die Endung -lyë oder das Pronomen le
(oder lya) verwendet: Wir haben es
hier offensichtlich zu tun mit zwei verschiedenen Arten von „du“, und die
„T“-Formen sind kaum mit den „L“-Formen austauschbar.
Basierend
auf dem Objektpronomen tye „dich“
haben einige Schreiber gewagt, daraus ein Objekt der 1. Person nye
„mich“ zu extrapolieren (vgl. ni
„ich“). Offensichtlich erscheint die Form nye
tatsächlich in Tolkiens Papieren, also werden wir dieses nye
= „mich“ hier übernehmen. Man beachte jedoch, dass sämtliche Fallendungen
an die einfachste Form dieses Pronomens angehängt werden, das heißt an die
Form, die als Subjekt-Form fungiert,
wenn sie für sich alleine steht - in diesem Fall ni
„ich“. Fallendungen werden nicht an die Objekt-Form
nye „mich“ angehängt: Der Dativ
„mir“ heißt nicht *nyen.
Wie wir wissen, ist die tatsächliche Form nin
(ni-n = „ich-für“). Ähnlich
sollte „dir“ nicht **tyen
heißen, denn dann würden wir die Fallendungen wiederum an die Objektform
anhängen. Unglücklicherweise ist nicht klar, was tatsächlich die tye
entsprechende Subjektform ist, somit muss der schon lange leidende Student einen
weiteren Schwung Unklarheiten hinsichtlich der Zweiten Person vergeben:
Mechanische Extrapolation, basierend auf dem attestierten Paar ni/nye,
würde uns natürlich bei ?ti als
Subjekt „du“ landen lassen. Doch die Geschichte ist fast mit Sicherheit
komplizierter als das. Von Sindarin-Pronomenendung
für „du“ heißt es, sie wäre -g
oder -ch und zeige an, dass diese
Endungen in früherem Elbisch als -k-,
-kk- erschienen. In Quenya würde aus einem finalen -k
ein -t (vgl. z. B. filic-
als Stammform eines Hauptwortes mit der Bedeutung „kleiner Vogel“, das eng
die Wurzel philik wiedergibt; aber
wenn das Hauptwort ohne jede Endung erscheint, ändert sich seine Quenyaform zu filit).
Wenn die oben erwähnte Endung -t
„du“ zum Beispiel von einem ursprünglichen -k
herrührt, müssen wir auch annehmen, dass das Objektpronomen tye
für früheres kye (initiales ky-
wird in Quenya nach der Regel zu ty-,
vgl. z. B. den Eintrag kyel in den
Etym, die Wurzel, aus der Tolkien das Verb tyel-
„enden“ ableitete). Es wäre dann also dieses kye,
von dem wir ausgehen müssen bei dem Versuch, die entsprechende Subjektform zu
extrapolieren. Seine Quenyaform wäre wahrscheinlich ci
(ki) oder vielleicht eher ce
(ke): Bei den Pronomen scheint der
Vokalt i eine Besonderheit bei der 1.
Person zu sein (ni „ich“), während
das e häufiger erscheint (le
„du“, me „wir“ etc.). Folglich
wäre die Dativform „dir, für dich“ wohl etwas wie ?cen,
und ähnlich in den anderen Fällen, z. B. Ablativ cello
„von dir“. Wenn das richtig ist, sollte das, was wir mit „T“-Formen
bezeichnet haben, eher „C/T“-Formen genannt werden, da das ursprüngliche k
(geschrieben c) in einigen
Quenyaformen ebenso gut bewahrt worden sein könnte.
In
der Originalversion dieses Kurses schrieb ich an dieser Stelle: „Aber natürlich
sind wir nun ins Reich „spekulativer Extrapolation“ hinübergewechselt.“
Doch gibt es hier offensichtlich einigen nachdrücklichen Beweis für eine
Subjektform ke, ce
„du“. Nach gewissen Posts aus der Elfling-Liste taucht es in unveröffentlichtem
Material (der schon legendären/berüchtigten „CB grammar“) auf, die privat
in Umlauf war. Am 22. Januar 2002 bezog sich Ryszard Derdzinski auf „CB
Grammar Q(u)enya forms like ke ‚thou’.“
(auf „CB-Grammatik-Quenyaformen wie ke
‚du’“). Noch bleibt die ganze Sache ziemlich unklar. In den Übungen unten
taucht nur die Objektform tye auf.
Fassen
wir zusammen: Wir haben ni „ich“
(Objektform nye „mich“), le
„du“ (die Objektform ist wahrscheinlich auch le),
tye als Objektform „dich“
(Andeutung; die Subjektform soll ce
lauten), me „wir“ (ausschließend;
wahrscheinlich kann das auch als Objektform „uns“ verwendet werden), te
als Objektform „sie“ (die Subjektform „sie“ ist unklar, aber vielleicht
identisch; in jedem Fall könnte dieses Pronomen vor zumindest einigen
Fallendungen als tie- erscheinen, wie
in der attestierten Dativform tien).
Dies führt nicht gerade zu einer besonders vollständigen Pronomentafel; ich
hoffe, in einem Anhang dieses Kurses diskutieren zu können, wie wenig
abgeleitet werden kann hinsichtlich der Lücken.
Was
die Funktionen dieser Pronomen angeht,
so sollten die oben zitierten Beispiele den Studenten bereits mit entscheidenden
Hinweisen versorgt haben. Diese Wörter (mit Ausnahme der eigenen Objektformen)
können Fallendungen erhalten; die Dativform nin
„mir“ ist stellenweise gut attestiert. Wahrscheinlich können wir ebenso
einen Allativ ninna „zu mir“,
einen Ablativ nillo „von mir“,
einen Lokativ nissë „in mir“ und
vielleicht sogar einen Instrumental ninen
„durch mich“ bilden. Seit ich den Kurs zum ersten Mal veröffentlichte,
tauchten einige Fallformen von me
„wir“ in neuen Publikationen auf: Ablativ mello
„von uns“, VT43:10; Lokativ messë
„auf uns“, VT44:12, in Ergänzung zum schon bekannten Dativ men.
Es sei angemerkt, dass Pronomen „Singular“-Fallendungen erhalten, auch wenn
das Pronomen seiner Bedeutung nach ein „Plural“-Pronomen ist (so wie sich me
„wir“ auf mehr als eine Person bezieht). Folglich müssen „von uns“ und
„auf uns“ mello und messë
heißen und nicht etwa **mellon (oder
**mellor), **messen.
Die duale Endung -t
kann jedoch an unabhängige Pronomen angehängt werden, wie im Beispiel met
„[die zwei von] uns“ im Namárië.
Dann wäre jegliche Fallendung ebenfalls dual: Dativ ment,
Allativ menta, Ablativ melto,
Instrumental menten. (Eine andere
plausible Dualform könnte ?let
=“ihr beide“ sein.)
Eine andere Funktion unabhängiger Pronomen tritt nach Präpositionen zutage, wie in dem Beispiel imbë met „zwischen uns [beiden]“ im Namárië. Im Englischen folgt auf Präpositionen immer die Objektform (der Akkusativ), z. B. „as me“. (Im Deutschen trifft das nicht zu. Verschiedene Präpositionen ziehen verschiedene Fälle nach sich: „wie ich“ (Nominativ), „zwischen uns“ (Dativ) usw. Der Fall wechselt je nach der Präposition.) Wenn das auch in Quenya gilt, wäre das Äquivalent ve nye, aber wir können uns da nicht sicher sein; vielleicht würden die Elben in Wirklichkeit ve ni = „wie ich“ sagen. Das attestierte Beispiel imbë met „zwischen uns [beiden]“ hilft uns in dieser Angelegenheit nicht weiter, da me (mit oder ohne Dualendung -t) wahrscheinlich sowohl für die Subjektform „wir“ als auch die Objektform „uns“ steht. Zumindest können wir nichts falsch machen, solange wir uns mit me und le beschäftigen (und te?), denn diese Pronomen scheinen keine unterschiedlichen Subjekt- und Objektformen zu besitzen.
[Update:
In VT43:29 taucht eine Tabelle auf, die die Form óni
enthält, offensichtlich mit der Bedeutung „mit mir“; das ist offensichtlich
das Pronomen ó „mit“ + ni
„ich“, geschrieben als ein einziges Wort. Wenn ni
nur das Subjekt „ich“ darstellt, scheint die Form óni
anzudeuten, dass zumindest einige Quenya-Präpositionen tatsächlich von der
Subjektform gefolgt werden, wo wir im Englischen die Objektform verwenden (im
Deutschen stünde nach „mit“ der Dativ); man sagt „mit ich“ statt „mit
mir“. - Unglücklicherweise hat Tolkien später wohl das ó
als allgemeines Wort für „mit“ fallen lassen, wahrscheinlich zugunsten von as:
Seine Übersetzung des Ave Maria enthält aselyë
für „with thee“, „mit dir“; hier wird „thee“, „dir“ ausgedrückt
mit Hilfe der Endung -lyë, derselben
Endung, die auch an Verben angehängt werden kann. Offensichtlich könnte man
ebenso gut as le oder as
lye sagen, und statt dessen ein eigenständiges Pronomen verwenden,
vergleichbar mit imbë
met für „zwischen uns (beiden)“ im Namárië,
mit einem allein stehenden Pronomen anstelle einer Endung nach der Präposition.]
Die Funktion der Objekt-Formen (die attestierten Wörter nye „mich", tye „dich" + die wahrscheinlich nicht eigenständigen Formen me „uns“ und le „dich“, die oben besprochen wurden) ist wohl offensichtlich, das Objekt eines Satzes darzustellen. Alles in allem können pronominale Objekte nicht immer ausgedrückt werden mit einer der beiden attestierten Endungen -t „sie“ oder -s „es“ (obwohl die vollständige Liste der Objektendungen vermutlich etwas länger sein dürfte). Diese Objektendungen könnten an erweiterte Infinitive auf -ta (caritas „es zu tun“) angehängt werden, oder auch an ein Verb, das schon eine Subjektendung hat (utúvienyes „ich habe es gefunden“), aber diese grammatikalische Umgebung ist nicht immer präsent. Die unabhängigen Objektpronomen könnten zum Beispiel in Imperativsätzen verwendet werden, wie in dem attestierten Beispiel a laita te „preist sie“, das wir schon zitiert haben. Wahrscheinlich können solche Pronomen auch verwendet werden, um folgende Gerundien in die Dativform zu bringen (z. B. utúlien cenien tye „Ich bin gekommen [um] dich zu sehen“). Das unabhängige Objektpronomen könnte auch dort Anwendung finden, wo ein Verb keine pronominale Subjekt-Endung hat, an die man eine pronominale Objekt-Endung anhängen könnte - weil das Subjekt mit einem eigenständigen Wort ausgedrückt wird. Während also „wir werden sie preisen“ in ein einziges Wort wie laituvalmet gepackt werden kann, muss ein Satz wie „das Volk wird sie preisen“ vielleicht i lië laituva te lauten, mit einem eigenständigen Wort für „sie“. (Wir können nicht wissen, ob es zulässig wäre, ?i lië laituvat zu sagen, mit der Endung -t an das Verb angehängt, obwohl es keine Subjektendung hat; ein eigenes Wort für „sie“ zu verwenden, ist damit sowohl sicherer als auch klarer.)
Die bevorzugte Wortreihenfolge ist etwas unklar. Es mag so aussehen, als bevorzuge Quenya es, unabhängige Pronomen vor einem Verb zu platzieren. Manchmal setzte Tolkien das Objektpronomen sogar mit Hilfe eines Hyphen als Vorsilbe vor ein Verb, wie in dem oben zitierten Beispiel tye-melánë „ich liebe dich“. (Vergleichen Sie mit dem Französischen je t’aime, wörtlich „Ich dich liebe“, mit einem Objekt, das dem Verb vorangeht, statt ihm zu folgen.) Somit sollten Sätze wie „ich bin gekommen, um dich zu sehen“ oder „das Volk wird sie preisen“ vielleicht besser utúlien tye-cenien bzw. i lië te-laituva lauten? Manchmal platzierte Tolkien sogar Dativ-Pronomen vor dem Verb, wie in der Frage, die in der Mitte des Namárië auftaucht: Sí man i yulma nin enquantuva? = „Wer wird nun den Becher wieder für mich füllen?“ (im Deutschen tritt das Pronomen zwischen das Hilfsverb „wird“ und den Infinitiv „füllen“, im Englischen stünde das „for me“ am Satzende). Wir haben sogar ein Extrembeispiel, das das Verb lumna- „schwer sein / liegen“ betrifft und wo ein Dativpronomen nicht nur dem Verb als Vorsilbe vorangestellt ist, sondern die Dativendung -n sogar an das initiale l- des Verbs selbst angepasst ist: Mel-lumna ist übersetzt mit „us-is-heavy“ (LR:47), „ist schwer für uns“; das muss die Dativform men „für uns, uns“ sein + Aoristform lumna „liegt (ist) schwer“. Die zugrundeliegende, nicht attestierte Form men-lumna hat sich offensichtlich verändert, da men vollkommen mit dem folgenden Wort verschmolz und ein Teil von ihm wurde - und damit tauchte plötzlich de facto ein Cluster nl auf, den die Phonologie Quenyas nicht zulässt, und der somit zu l-l wurde. Doch derartige zusätzliche Komplikationen sind offensichtlich vermeidbar, denn andere Beispiele zeigen an, dass unabhängige Pronomen dem Verb auch folgen können. In VT41:13 finden wir den Satz órenya quéta nin = „mein Herz sagt mir“ (Variante órenya quetë nin, Seite 11). Wahrscheinlich wäre órenya nin quéta (oder sogar ...nin-quéta) gleichermaßen möglich, aber es ist offensichtlich nicht „notwendig“, eine solche Wortreihenfolge zu verwenden, oder wirklich ein Objekt/Dativ-Pronomen direkt dem Verb als Vorsilbe vorangehen zu lassen.
Was die oben behandelten „Subjektformen“ angeht, können sie natürlich als Subjekt eines Satzes auftauchen, wie ni „ich“ in ni véla tye „ich sehe dich“. Nichtsdestotrotz würde Quenya hier häufiger pronominale Endungen verwenden (wie in diesem Fall vélan oder vélanyë - unter der Voraussetzung, dass das Verb ?vel- „sehen“ im HdR-Stil-Quenya noch Gültigkeit hat!). Für Dichter, die versuchen, ein gewisses Versmaß aufrecht zu erhalten, mag es nützlich sein, zwischen unabhängigen Pronomen und pronominalen Endungen wählen zu können. Doch den oben behandelten „Subjektformen“ würden wir am häufigsten begegnen, nicht als grammatikalische Subjekte, aber mit angehängten Fallendungen! Auch so ist es wahrscheinlich, dass Pronomen wie ni oder le häufig als Subjekt von Sätzen dienen, wo die Kopula „bin/bist/ist/sind“ weggelassen wird: Ni aran „Ich [bin] König“, le halla „du [bist] groß“, etc.