Autor: Helge Fauskanger - Übs. B. Raßbach
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!
Dabei handelt es sich um eine ziemlich im Dunkeln liegende Untergruppe von Verben; nachdem wir in der vorhergehenden Lektion die U-Stamm-Substantive behandelt haben, erforschen wir nun die U-Stamm-Verben. Unsere Unterlagen dazu sind sehr begrenzt, diese Diskussion muss notwendigerweise hauptsächlich auf Spekulation basieren.
Verbstämme mit der Endung -u sind in Tolkiens frühem „Qenya“-Material nichts ungewöhnliches, aber im Lauf der Jahrzehnte scheint er ihre Zahl reduziert zu haben. Unter den gut über 1.200 Quenyawörtern, die in den Etymologies erwähnt werden, ist nur ein einziges U-Stamm-Verb, und zwar palu- „weit öffnen, ausbreiten, expandieren, ausdehnen“ (und selbst dieses Verb hat eine alternative Form palya- mit der wesentlich üblicheren Verbendung -ya: siehe Eintrag pal). Um 1960 herum, in seinem Essay Quendi and Eldar, erwähnte Tolkien das Verb nicu- „kühl, kalt sein“ mit Bezug auf das Wetter (WJ:417). Einige Jahre später verwendete er auch einige wenige U-Stamm-Verben in der letzten Version des Markirya-Poems: fifíru- „langsam verblassen“ (Ausarbeitung des einfacheren Verbs fir- „sterben, verblassen“), hlapu- „fliegen oder im Wind flattern“, nurru- „murmeln, grummeln, grollen“ (MC:223).
Wie sind diese Verben zu beugen? Markirya, wie es in MC:222 abgedruckt ist, deutet an, dass das aktive Partizip von hlapu- hlápula lautet, und dass das aktive Partizip durch Anhängen der normalen Endung -la gebildet wird, wenn möglich unter Verlängerung des Hauptvokals (hlapu- wird zu hlápu-). Das Partizip von nurru- „murmeln“ ist als nurrula attestiert; hier kann der Vokal nicht verlängert werden wegen des folgenden Konsonantenclusters (**núrrula wäre kein mögliches Quenya-Wort). Die Bildung des aktiven Partizips ist so ziemlich das einzige, bei dem wir einigermaßen sicher sein können bei dieser Klasse von Verben (und deshalb auch das einzige, was ich in den Übersetzen-Sie-in-Quenya-Übungen unten verwenden werde).
Das passive Partizip ist problematisch. Wahrscheinlich würde die normale Endung -na oder ihre längere Variante -ina irgendwie angefügt. Einige haben argumentiert, dass wir ein attestiertes Beispiel für ein passives Partizip eines U-Stamm-Verbs haben könnten. Wir haben an früherer Stelle auf die mysteriöse Form turún’ (offensichtlich verkürzt aus turúna) in Nienors Ausruf verwiesen: A Túrin Turambar turún’ ambartanen, „[oh Túrin] Meister des Schicksals, vom Schicksal gemeistert“ (UT:138). In Tolkiens Material taucht ein Primärverb tur- „beherrschen, kontrollieren, regieren“ auf, aber wir würden als sein passives Partizip turna erwarten (vgl. carna „gemacht“ als attestiertes passives Partizip von car- „machen, tun“). Könnte die fremdartige Form turúna „gemeistert“ tatsächlich das passive Partizip einer U-Stamm-Variante turu- „meistern“ sein? Doch es ist unklar, warum ein Anhängen der Endung -na an turu- zu turúna führt, mit einem langen Vokal - und ein anderes, indirektes Zeichen deutet in eine andere Richtung. Wie von einigen herausgestellt, taucht die Endung -(i)na, die verwendet wird, um passive Partizipien zu bilden, auch in anderen Teilen der Rede auf, und wir haben zumindest ein Beispiel, das uns zeigt, was geschieht, wenn es an den Stamm eines Substantivs auf -u angehängt wird: Das Adjektiv culuina “orange“ ist aus einer Wurzel kul, kulu „Gold“ entwickelt. Hier taucht ein Diphthong ui auf, wenn das finale -u des Stamms kombiniert wird mit der Endung -ina. Überträgt man dieses Prinzip auf U-Stamm-Verben, könnten wir argumentieren, dass das passive Partizip von palu- „ausdehnen“ ?paluina „ausgedehnt“ sein sollte. Die Analogie zu A-Stamm-Verben würde in dieselbe Richtung deuten (vgl. hastaina „beschädigt“ als attestiertes Partizip von hasta- „beschädigen“) - aber aufgrund des Mangels an attestierten Exemplaren können wir nicht sicher sein.
Der Infinitiv ist ziemlich problematisch. Er sollte ein Stamm sein, ohne Anhängsel. In der vorhergehenden Lektion legten wir dar, dass U-Stamm-Hauptwörter ursprünglich auf einem kurzen -u endeten. Dieser ursprüngliche Vokal bleibt überall dort unverändert erhalten, wo eine Endung folgt, aber in Quenya wurde er dort, wo er ganz am Ende stand, zu -o. Wenn wir dasselbe Prinzip auf U-Stamm-Verben übertragen, ist es denkbar, dass der Infinitiv von palu- „ausdehnen“ ?palo sein könnte. Natürlich würden wir vor Endungen nach wie vor palu- sehen, zum Beispiel wenn diese Klasse von Verben ebenfalls erweiterte Formen auf -ta besitzt: Folglich ?paluta, oder mit einer Objektendung ?palutas, „es auszudehnen“.
Der
Aorist ist ein bisschen weniger geheimnisvoll. Wie wir uns erinnern, nehmen Primärverben
die Endung -i an, die genau so auch
vor weiteren Endungen erhalten bleibt, aber final zu -ë
wird (silë „scheint“, aber Plural
silir „scheinen“). Da die
phonologische Verwandlung, die ein ursprüngliches kurzes -i
zu einem -ë macht, in hohem Maß
gleichlaufend ist mit der Verwandlung eines finalen kurzen -u
zu -o, können wir glaubwürdig
argumentieren, dass palu-
„ausdehnen“ den Aorist ?palo
„dehnt aus“ haben sollte (identisch mit dem Infinitv), erhalten als ?palu-
vor jeder beliebigen Endung (z. B. palur
„dehnen aus“ mit einem Subjekt im Plural, palun
oder palunyë „ich dehne aus“, palus
„er/sie/es dehnt aus“, etc. etc.). Doch ein kleines Stück Zeugnis weicht
von diesem Szenario ab: Nachdem er das U-Stamm-Verb nicu-
„kalt, kühl sein“ erwähnt, zitiert Tolkien auch die Form niquë,
die er übersetzt mit „es ist kalt, friert“ (WJ:417). Ist dieses Verb niquë
zu verstehen als Aorist von nicu-? Ist
das so zu verstehen, dass genau wie im Fall von Primärverben die Endung -i
ebenso an U-Stämme angehängt wurde, und sich folglich eine Entwicklung nicui
> nicwi ergab? Nach dem Wechsel des finalen kurzen -i
zu -ë würde das tatsächlich zu der
attestierten Form (nicwe =) niquë
führen. Wenn ja, könnte dann der Aorist von palu-
?palwë heißen, oder mit Endungen ?palwi-.
Doch wir fragen uns vielleicht, warum U-Stamm-Verben die Aorist-Endung -i
annehmen, wenn A-Stämme dies nicht tun. Das wäre nicht sehr ermutigend im
Hinblick auf unsere nette kleine Theorie, dass die Endung -i
an Primärverben eher nur als eine Art von Lückenbüßer angehängt wird, um
das Fehlen jeder anderen Endung auszugleichen (denn U-Stamm-Verben haben
offensichtlich eine andere Endung - das -u
selbst!) Tatsächlich war es die Form ninquë,
an die ich dachte, als ich den Studenten zurück in Lektion 7 warnte, diese
vereinfachte Sichtweise sei nicht ganz unproblematisch, aber die meiste Zeit
funktioniere sie. Wir haben nun den Punkt erreicht, wo sie eben nicht länger
funktioniert.
Während
der Aorist von palu- glaubwürdig
angenommen werden darf als ?palwë
oder, mit Endungen, ?palwi-, als
perfekte Parallele zu (nicwe =) niquë
als Aorist von nicu-, können wir uns
nur fragen, wie Verben wie hlapu- oder
nurru- sich verhalten würden, wenn
sie die Endung -i schon in der
Ursprache erhalten hätten. Sie könnten sich kaum in **nurrwë
oder **hlapwë entwickeln, das wären
unmögliche Quenya-Wörter. Vielleicht bliebe der ursprüngliche Diphthong ui
an allen Positionen erhalten, und wir würden ?nurrui
sehen und ?hlapui, ohne Wechsel von -i
auf -ë auch dann, wenn der Vokal
absolut final ist? Doch ich brauche den Studenten wohl kaum darauf hinweisen,
dass wir nun ein Gebiet extremer Spekulationen betreten haben.
Die
Gegenwartsform ist ebenfalls
spekulativ, aber Tolkien versorgte uns mit einem exzellenten Hinweis. Es sei
daran erinnert, dass die Gegenwartsform (z. B. síla
„scheint (gerade)“) tatsächlich eine Art „Verlaufs“-Verbstamm
darstellt, entwickelt mit Hilfe einer Verlängerung des Stammvokals (wenn möglich)
und durch Anfügen der Endung -a. In
der allerletzten Version des Markirya-Poems
ersetzte Tolkien eines der Partizipien mit etwas, das wie der Stamm einer
Verlaufsform aussieht: Wie aus Christopher Tolkiens Anmerkung in MC:222
ersichtlich änderte sein Vater nurrula
„murmelnd“ zu nurrua. Hier
fungiert der Stamm der Verlaufsform tatsächlich wie ein Partizip (immer noch
mit der Bedeutung „murmelnd“), und die Revision wirkt tatsächlich ziemlich
sinnlos, doch letzten Endes gab Tolkien damit preis, dass die Endung -a
an ein U-Stamm-Verb angehängt werden kann. In einem anderen Kontext könnte nurrua
wahrscheinlich als Gegenwartsform „murmelt (gerade)“ (Verlaufsform) fungiert
haben. In diesem Fall könnte der Stammvokal wegen des folgenden
Konsonantenclusters nicht verlängert werden, aber die Verlaufsform der
Gegenwart eines Verbs wie palu-
„ausdehnen“ wäre aller Wahrscheinlichkeit nach pálua
„dehnt (gerade) aus“.
Hinsichtlich
der 1. Vergangenheit können wir
einigermaßen sicher sein, dass die reguläre Vergangenheitsendung -në
angehängt wird. Zumindest war dies der Fall in Tolkiens frühestem „Qenya“:
Das Qenya-Lexikon von 1915 listet allunë
auf als 1.Vergangenheit des Verbs allu-
„waschen“ (QL:30). Ich verwende dieses System in den Übungen unten (aber
nur in dem Übersetzen-Sie-aus-Quenya-Abschnitt,
somit verführe ich meine Studenten zumindest nicht dazu, selbst unsichere
Quenya-Verbformen zu konstruieren.
Das
Perfekt ist unklar. Das Augment (der
vorangestellte Stammvokal) würde vermutlich wie gewöhnlich
vorangestellt, während der Vokal - wo möglich - an seiner normalen Position
verlängert wird. So würden die Perfekt-Formen von palu-,
nurru- vermutlich beginnen als apál-,
unurr-. Aber was dann kommt, bleibt jedermanns Mutmaßung überlassen. Wie
kann die Endung -ië, die mit dem
Perfekt assoziiert ist, an ein U-Stamm-Verb angehängt werden? Würde das
initiale -i- der Endung mit dem
finalen -u des Verbstamms
verschmelzen und einen Diphthong -ui-
bilden, so dass wir ?unurruië für
„hat gemurmelt“ sehen würden? Das Perfekt „hat ausgedehnt“ kann kaum ?apáluië
heißen, denn der neue Diphthong ui würde
die Betonung auf sich ziehen und die Silbe unmittelbar davor völlig
unakzentuiert lassen. Dann kann kaum ein langes á
folgen, denn es scheint eine phonologische Regel zu geben, die einen langen
Vokal in einer völlig unbetonten Silbe verbietet, es sei denn das sei auch die
erste Silbe des Wortes - und das ist sie hier nicht. Würden wir dann ?apaluië sehen, mit einem kurzen Vokal? Doch wie wir an früherer
Stelle argumentiert haben, ersetzt die Endung -ië, wenn sie für das Perfekt verwendet wird, offensichtlich das
finale -a, wenn sie an ein
A-Stamm-Verb angehängt wird, somit ist es absolut möglich, dass sie auch das
finale -u eines U-Stamms ersetzen würde.
Von nurru-, palu-
würden wir dann einfach die Perfektformen unurrië
„hat gemurmelt“ und apálië
„hat ausgedehnt“ sehen. (Wahrscheinlich würde -ië
als gerundiale oder infinitive Endung ähnlich den letzten Vokal -u
ersetzen, so dass wir ?nurrië für
„murmelnd“ bilden könnten. Aber „murmelnd“ als reines verbales Nomen könnte
fast mit Sicherheit nurrulë heißen,
obwohl attestierte Beispiele der abstrakten Endung -lë
„-nd“ stattdessen A-Stämme betreffen.)
In
der Zukunftsform würden wir
wahrscheinlich die gebräuchliche Endung -uva
sehen. Doch wir können nur spekulieren, ob das -u-
am Anfang der Endung einfach mit dem finalen -u
des Stamms verschmilzt, so dass die Zukunftsform von palu-
paluva lauten würde, oder ob die
beiden u’s kombiniert werden zu
einem langen ú,
so dass wir stattdessen palúva sehen
würden.