
(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!
Alle Verbformen, die wir bis jetzt besprochen haben, alle die Zeiten, sind das, was ein Linguist Verbum finitum (am ehesten mit "begrenztes Verb" zu übersetzen) nennen würde. Die Definition für ein Verbum finitum ist, dass es fähig ist, als Prädikat eines Satzes zu dienen, als jener Teil des Satzes, der uns sagt, was das Subjekt macht (oder ist - in Lektion 4 haben wir herausgestellt, dass eine Wendung aus Kopula und Hauptwort oder Adjektiv auch als Prädikat zählt, z. B. "Gold ist schön", aber hier werden wir uns stattdessen mit "normaleren" Verben befassen). In einem Satz wie i Elda máta massa "der Elb isst Brot" können Linguisten schnell die Rolle aller Satzteile bezeichnen: so wie i Elda " der Elb" das Subjekt ist und massa "Brot" das Objekt, so ist das Verb máta "isst" das Prädikat des Satzes. Und eben weil die Form máta, Gegenwartsform von mat- "essen", hier als Prädikat fungieren kann, können wir sagen, dass máta ein Verbum finitum darstellt.
Der Infinitiv ist eine andere
Geschichte. Er ist, wie der Name sagt, in-finitum - nicht finitiv (am
ehesten mit "unbegrenzt" zu übersetzen). Das Verb wird nicht nicht
gebeugt für eine Zeitform. Es erhält nicht die Endung -r, selbst wenn
das Subjekt in der Mehrzahl steht. Somit kann ein infinitives Verb nicht
als Prädikat eines Satzes fungieren. Ein Infinitiv kann nicht direkt mit einem
Subjekt zusammengespannt werden. Was ist dann seine Funktion?
Englische und deutsche Infinitive haben
verschiedene Anwendungsmöglichkeiten, doch eine wichtige Anwendung ist, dass er
erlaubt, verschiedene Verben in einem Satz zu kombinieren. In einem Satz
wie "die Zwerge wollten essen" ist das Verb "wollten" ein
Verbum finitum, das in einer bestimmten Zeitform steht (in diesem Fall in der 1.
Vergangenheit). Aber das Verb "essen" erscheint als Infinitiv,
"essen" und ergänzt das Verbum finitum zu einer längeren Wendung
"wollte essen". Im Englischen wird der Infinitiv von Verben oft
angezeigt durch das Einfügen eines "to" vor dem eigentlichen Verb,
aber dieses "to" wird nicht immer eingefügt. Dasselbe
gilt für das deutsche Wort "zu", das wir jedoch weitaus seltener
einfügen. In einem Satz wie "I let him go" "ich
lasse ihn gehen" zählt das "go / gehen" als Infinitiv, obwohl
kein "to" davor eingefügt wird. Ein deutsches
Beispiel mit "zu" wäre "er braucht nicht zu gehen".
(Anderes Beispiel mit "to / zu": "I allowed him to go
/ ich erlaubte ihm zu gehen"). Auch wenn ein Infinitiv
bestimmten Verben wie "kann" oder "muss" folgt (z. B.
"Ich muss gehen", nicht **ich muss zu gehen", fehlt
das "to / zu".
In Quenya scheint es keinen eigenständigen Anzeiger wie das "zu" zu
geben, somit müssen wir uns nicht darum kümmern, ob er eingefügt oder
weggelassen werden muss. Belegte Beispiele von Quenya-Infinitiven gibt es sicher
nicht im Überfluss, aber da gibt es den Satz polin quetë "ich kann
sprechen" (VT41:6). Hier ist das Verb polin "ich kann" ein
Verbum finitum, der Aorist des Verbs pol- mit der angehängten
Pronomenendung -n "ich" - aber das Wort quetë muss als
ein Infinitiv gedeutet werden. Natürlich ähnelt quetë in der Form
einem Aorist "spricht", aber wie mit der Übersetzung
"sprechen" angedeutet ist die Form quetë hier ein Infinitiv.
Wir können also sagen, dass Primärverben wie quet- einen Infinitiv auf -ë
bilden (unzweifelhaft für das -i aus dem Ur-Elbischen). Die Endung mag
einfach analysiert werden als eine Art Lückenbüßer, die angehängt wird als
Ersatz für das Fehlen jeder anderen Endung, oder quetë mag auch
betrachtet werden als Repräsentant eines nicht gebeugten "I-Stammes" kweti.
Egal was wir für die ultimative Ableitung und Bedeutung der Endung -ë
halten, wir wissen wahrscheinlich genug, um wirklich mit dem Gebrauch des
Infinitivs von Primärverben zu beginnen. Hier sind einige (hausgemachte)
Beispiele, die Infinitive mit verschiedenen Zeitformen der Verben mer-
"wünschen" und pol- "können" kombinieren. Die
Infinitive sind in grün, die Zeitformen in rot:
I Elda polë cenë
i Nauco "Der Elb kann den Zwerg sehen"
(Beachten Sie bitte, dass, obwohl die Verben pol-
"können" und cen- "sehen" hier dieselbe Endung -ë
erhalten, die erstere Form einen Aorist darstellt und die letztere einen
Infinitiv: Der Zusammenhang muss entscheiden, ob die Form cernë als
Aorist "sieht" oder Infinitiv "[zu] sehen" zu verstehen
ist).
I Naucor merner
matë "die Zwerge wollten
essen" (Verbum
finitum merner "wollten", gebeugt für Vergangenheit und
Plural, + Infinitiv matë "[zu] essen")
I seldo pollë hlarë
ilya quetta "der Junge konnte jedes Wort hören"
Polilyë carë
ilqua "du kannst alles tun"
I nissi meruvar tulë
"die Frauen werden kommen
wollen".
Wie ist das dann mit den A-Stämmen? In den Etymologies führte Tolkien oft A-Stamm-Verben auf, als wären sie Infinitive, zum Beispiel anta- "schenken, geben", varya- "schützen" oder yelta- "verabscheuen, hassen" (Einträge ANA, BAR, DYEL). Das ist kein schlüssiger Beweis, dass eine Form wie anta tatsächlich als Infinitiv "geben" in einem Quenyatext benutzt werden kann, denn in der Tradition westlicher Linguisten ist der Infinitiv allgemein die Form, die benutzt wird, ein Verb in Wörterlisten zu nennen, aufzulisten oder zu erklären. Manchmal wird das System sogar durchgezogen, wo es streng genommen verkehrt ist: Eine Hebräisch - Deutsch - Wörterliste mag darauf bestehen, dass nahtan "geben" bedeutet, obwohl es in Wirklichkeit bedeutet, "er gab" - das ist die einfachste und grundlegendste Form dieses Verbs, die logische Form, um in einem Wörterbuch aufgelistet zu werden. Doch eine Form wie anta- ist einfach ein ungebeugter A-Stamm, und Tolkien bezog sich auf bestimmte grammatikalische Umstände, "where the bare stem of the verb is used ... as infinitive" ("wo der reine Stamm des Verbs als Infinitiv benutzt wird", MC:223). Das generelle System scheint also darauf hinzudeuten, dass A-Stämme ohne Anfügungen als Infinitiv fungieren können. (Beachten Sie, dass die Infinitive sowohl der Primärverben als auch der A-Stämme in der Form dem endungslosen Aorist ähneln.) So nehme ich an, wir können Sätze wie den folgenden bilden (und lassen Sie mich einfach die Infinitive unterstreichen, um zu viel phantasievolle Farben zu vermeiden):
| I vendi merner linda | die Mädchen wollten singen | |
| I norsa polë orta i alta ondo | der Riese kann den großen Felsblock heben | |
| Merin cenda i parma | Ich will das Buch lesen |
In einigen Fällen bevorzugt das Englische eine -ing-Form für einen regulären Infinitiv, zum Beispiel nach den Verben "start" und "stop". Ich denke, es ist eine gute Annahme, dass Quenya in diesen Fällen ebenso den normalen Infinitiv benutzt (somit brauchen wir Deutschsprachigen uns den Kopf ebenfalls nicht zu zerbrechen, wir verwenden diese Form ohnehin nicht):
I nissi pustaner linda "die Frauen hörten auf zu singen" (im Englischen: "stopped singing".
Einige Infinitive können vielleicht mit Hilfe von ar "und" nebeneinander gestellt werden:
I neri merir cenda ar tecë rimbë parmar "Die Männer wollen viele Bücher lesen und schreiben"
Die Besprechung oben deckt mit
Sicherheit nicht alles ab, was es über Quenya-Infinitive zu sagen gibt. Einige
Details mehr sind bekannt und werden später in diesem Kurs eingefügt werden,
aber es gibt viele unklare Punkte. In einigen sehr späten Anmerkungen (ca.
1969) bezieht sich Tolkien auf "the general (aorist) 'infinitive' formed by
added -i" (VT41:17), aber solange nur einige kurze Zitate aus diesem
Material veröffentlicht worden sind, können wir nicht sicher sein, was er
meint. Gibt es einen speziellen Aorist-Infinitiv? Wir haben früher den
Unterschied zwischen Formen wie máta "isst (gerade)"
(Gegenwart, Verlaufsform) und matë "isst" (Aorist)
besprochen. Überträgt Quenya diese Unterscheidung auf den Infinitiv, so dass
man irgendwie "essen" (to eat, Aorist Infinitiv) von "gerade
essen" (to be eating, Infinitiv der Verlaufsform) unterscheiden kann?
Um weiter zu gehen, worauf bezieht sich Tolkien mit "added -i"?
Offensichtlich gibt es einen Infinitiv, der gebildet wird durch Anfügen von -i
an den Verbstamm (wenigstens von Primärverben). Aber ist diese Endung eine
Endung des "zeitgenössischen" Quenya oder repräsentiert es eine Form
aus dem Urelbischen? Wie oben erwähnt, könnte der belegte Infinitiv quetë
"sagen" eine Urform kweti repräsentieren, was tatsächlich die
Wurzel kwet- mit "added -i", angefügtem -i,
wäre. Aber wenn dieses -i ein zeitgenössisches Quenya-Suffix ist,
gäbe es einen alternativen Infinitiv queti "sagen". Wie er
benutzt wird und ob er mit der belegten Form quetë austauschbar ist,
können wir noch nicht einmal anfangen zu vermuten. In dem Essay Quendi and
Eldar erwähnte Tolkien einige wenige Verbformen, die Beispiele für
Infinitive auf -i zu sein scheinen, namentlich auciri und hóciri,
beide mit der Bedeutung "abschneiden" (in zweierlei Sinn, siehe
WJ:365-366). Aber später im Essay zitiert er dieselben Formen mit einem
angefügten Bindestrich (auciri-, hóciri-), als wenn es sich
dabei um Verbstämme handelte und nicht um unabhängige Infinitivformen
(WJ:368). So können wir in nichts sicher sein und müssen die Publikation von
mehr Material abwarten.
Wie oben angemerkt wird der Infinitiv traditionellerweise benutzt, Verben zu nennen oder aufzulisten, oder ihnen eine Bedeutung als allgemeiner Glossar zu geben. Von nun an werden wir oft Verben auf diese Weise definieren, einen Verbstamm wie tul- also als "to come", (zu) kommen und lanta- als "to fall" (zu) fallen anführen (statt einfach "come" kommen, "fall" fallen). Im Deutschen fällt das "zu" ohnehin weg, sodass sich für uns hier nichts ändert. Es muss aber immer beachtet werden, dass der bloße Stamm eines Primärverbs wie tul- in einem Quenyatext nicht als wirklicher Infinitiv fungieren kann (statt "tul" muss es vielmehr tulë heißen). Es ist einfach üblich und eine Konvention, die Bedeutung eines Verbs im Glossar als Infinitiv wiederzugeben. In den Vokabellisten zu den Lektionen 5 bis 8 musste ich vor dem Anführen jedes neuen Verbs "Verb" schreiben, um kristallklar wiederzugeben, zu welchem Satzteil das neue Wort gehört. Manchmal war das tatsächlich notwendig: Wenn ich lanta- einfach als "fall" definiert hätte, hätte der eine oder andere Student mit Sicherheit den Bindestrich übersehen, der anzeigt, dass es sich bei lanta- um den Verbstamm handelt, und geschlossen, dass "fall" hier ein Hauptwort ist! Nachdem ich schlussendlich den Infinitiv eingeführt habe, werde ich nun diese Form benutzen, wenn ich Verben glossiere - wie in diesem Fall "to fall" (im Deutschen war das im Normalfall unmissverständlich, daher fehlt diese Anmerkung "Verb" in den Vokabellisten. Das liegt in der anderen Natur des Deutschen. "fall" heißt als Substantiv "Fall", als Verb "fallen". Weiteres Beispiel: im Englischen kann "love" Liebe und lieben heißen, die Anmerkung "Verb" ist unbedingt nötig; der Glossar mir- "lieben" ist im Deutschen dagegen absolut eindeutig! In der deutschen Übersetzung wird Ihnen also keine Veränderung im Glossar auffallen).
Anmerkung: Im Englischen werden Infinitive, die mit "to" (oder "in order to") beginnen, oft benutzt, um eine Absicht zu beschreiben (im Deutschen verwenden wir hier "um zu ....."): "I came to see you", "ich kam, um dich zu sehen". In einem solchen Zusammenhang scheint Quenya nicht den Infinitiv zu benutzen, sondern eine ganz andere Konstruktion (Gerund im Dativ, zu behandeln in einer späteren Lektion).