Eine Frage des Blickwinkels - Überlegungen zum Pronominalsystem im Sindarin

Dieser Artikel will zeigen, daß die wesentlichen Merkmale des Pronominalsystems in Sindarin (S) aus folgenden Zusammenhängen hergeleitet werden können:
a) aus der Form des Systems der Pronomen in Quenya (Q),
b) aus den Lautverschiebungen, die von Common Eldarin (CE) nach Quenya stattfinden und
c) aus den Lautverschiebungen von Common Eldarin nach Sindarin.

Dies kann ohne Bezugnahme auf die belegten Sindarin-Pronomen und deren belegten Gebrauch geschehen und ist daher relativ unabhängig von grammatikalischer Deutung (lediglich gängige Lautverschiebungsregeln finden Anwendung). Nur wenn es darum geht, rekonstriuerte Formen mit ihren grammatikalischen Deutungen in Übereinstimmung zu bringen, müssen wir auf das Sindarin-Korpus zurückgreifen.

Teil I - Pronomen im Nominativ

1) Charakterisitsche Konsonanten und Basiselemente

Jede elbische Pronominalform ist durch einen bestimmten Konsonanten charakterisiert. Dieser Konsonant ist allerdings Lautverschiebungen unterworfen, deshalb beziehen wir uns, wenn wir über den charakteristischen Konsonanten eines Pronomens sprechen, auf denjenigen Konsonanten, der in der CE-Wurzel dieses Pronomens auftaucht.

Auf der Grundlage der kurzen pronominalen Verbendungen in Quenya, der Form der unabhängigen, unbetonten Pronomen und der "Etymologies" können wir die folgende Liste von charakteristischen Konsonanten in CE entwickeln:

1. Pers. Sg.: n (LR:378)
2. Pers. fam. oder Sg.: c (belegbar aus LR:61 und WJ:364, daß t in Quenya => c in CE)
2. Pers. formal. oder Pl.: l (z.B. WJ:364 zeigt, daß es l in Quenya ist)
3. Pers. Sg.: s (LR:385)
3. Pers. Sg.: t (LR:389)
1. Pers. Pl.: m (z.B. in "Namárië")

Anmerkungen:
a) Wir unterscheiden in diesem Stadium nicht zwischen der 2. Person im Singular und der im Plural: Es ist belegt, daß Tolkien seine Ansichten über die Pronomen der 2. Person immer wieder geändert hat.
b) In der 3. Person scheint die Pluralform nicht durch eine Veränderung des charakteristischen Konsonanten gebildet zu werden, sondern indem der CE-Pluralmarker i hinzugefügt wird. Dennoch verwendet Quenya vorzugsweise s als Verbendung im Singular und t im Plural. Dabei weicht es möglicherweise vom ursprünglichen CE-Gebrauch der Formen ab.

Ausgehend von diesen charakteristischen Konsonanten werden die kurzen pronominalen Verbanhänge in Quenya und die unbetonten Pronomen gebildet. Ihr Ursprung ist folgender: In CE werden die Pronomen dadurch gebildet, daß ein Vokal an den charakteristischen Konsonanten angehängt wird. Dieser Vokal ist i in der 1. Person und a für das t der 3. Person. Das s der 3. Person kann anscheinend zwischen männlich o, weiblich e und sächlich a unterscheiden. In den übrigen Fällen ist der Vokal das e. In CE sind diese unabhängigen Pronomen in den konjugierten Verbendungen gedoppelt und führen so zu den kurzen Pronominalformen in Quenya, was hier am Beispiel von linda- (singen) gezeigt wird:

CE: ni lindâ oder *lindâ-ni => Q: ni linda oder lindan (ich singe)
CE: *ke lindâ oder *lindâ-ke => Q: *ce linda oder lindat (du singst; Q hat kein -c an letzter Stelle)
CE: *le lindâ oder *lindâ-le => Q: le linda oder lindal (du singst)
CE: sa lindâ oder lindâ-sa => Q: sa linda oder lindas (es singt)
CE: ta lindâ oder *lindâ-ta => Q: ta linda (es singt, ?lindat wird in der 3. Person Pl. verwendet)
CE: *me lindâ oder *lindâ-me => Q: me linda oder *lindam (wir singen; eine kurze Verbendung -m ist in Q nicht bezeugt)

Diese Kurzformen, die nur den charakterisitschen Konsonanten und einen Vokal einbeziehen, sind allerdings nicht die einzig relevanten Formen: In Quenya finden sich auch Häufungen (Cluster) von drei Buchstaben sowie der Gebrauch eben dieser Formen als betonte unabhängige Pronomen. Offenbar transportieren einige dieser Cluster mehr Information als die Kurzendungen. Wieder am Beispiel linda-):

Q: lindanyë (ich singe) inyë linda (selbst/sogar ich singe)
Q: *lindatyë (du singst) *etyë linda (selbst/sogar du singst)
Q: *lindaccë (du singst) *eccë linda (selbst/sogar du singst)
Q: lindalyë (du singst) elyë linda (selbst/sogar du singst)
Q: lindallë (du singst) *ellë linda (selbst/sogar du singst) (diese Form bezeichnet die 2. Person Pl.)
Q: *lindaryë (er singt) *eryë linda (selbst/sogar er singt) (ohne Genusunterscheidung gebraucht, abgeleitet von *-syë)
Q: lindaro (er singt) *ero linda (selbst/sogar er singt) (Gebrauch als Pronomen im Maskulinum)
Q: lindarë (sie singt) *erë linda (selbst/sogar sie singt) (Gebrauch als Pronomen im Femininum)
Q: lindalmë (wir singen) *elmë linda (selbst/sogar wir singen)
Q: lindammë (wir singen) emmë linda (selbst/sogar wir singen)
Q: lindalvë (wir singen) *elvë linda (selbst/sogar wir singen)
Q: lindantë (sie singen) *entë linda (selbst/sogar sie singen)

Anmerkungen:
a) Wir behandeln an dieser Stelle nicht die Deutung der verschiedenen Formen für 'wir' - Tolkien hat seine Absichten hier mehr als einmal geändert.
b) Die Formen -ro und -re dehnen möglicherweise einen vorangehenden Vokal.

Die Frage ist nun, ob diese die einzelnen charakteristischen Konsonanten betreffenden Ausprägungen ein Merkmal beschreiben, daß schon in CE präsent war, oder ob es sich dabei um ein Phänomen handelt, daß seinen Ursprung ausschließlich in Quenya hat. Wenn wir die Vermutung anstellen, daß sie in CE nicht präsent sind, können wir das versuchsweise überprüfen, indem wir die Beugung der Verben in Sindarin lediglich anhand der einfachen Formen nachvollziehen:

CE: *lindâ-me -> *linna-ve -> *linna-v -> S: **linnaf

Das ist jedoch nicht, was wir beobachten. Folgendes hingegen ist belegt:

CE: *lindâ-mme -> *linna-mme -> *linna-m -> S: linnam (doppeltes mm wird nicht mutiert)

Demnach sollten wir also die per Cluster ausgeprägte Variante der chatakteristischen Konsonanten in die CE-Konjugation einbeziehen.

2) Lautliche Veränderungen der Basiselemente

Wenn wir also weitergehen wollen, müssen wir untersuchen, welche Form die entsprechenden Cluster, die wir in Quenya beobachten konnten, in CE und in Sindarin (vor Mutation und Wegfallen des Schlußvokals) annehmen würden:

Q: nye CE: nye S: ne (cf. CE: NYEL- (singen), Q: nyellë (Glocke) S: nell (Glocke))
Q: tye CE: cye S: ce (cf. CE: KYELEP- (Silber) Q: tyelpë (Silber) S: celeb (Silber))
Q: cce CE: cce S: che (cf. Q: rocco (Pferd) S: roch (Pferd))
Q: lye CE: lye S: le (cf. vielleicht Q: alya (reich) S: galu)
Q: lle CE: lle S: lle
Q: rye CE: sye S: se (cf. CE: PIS-, Q: pirya (Sirup))
Q: ro CE: so S: so
Q: re CE: se S: se
Q: mme CE: mme S: me
Q: nte CE: nte S: nte (cf. Q: anta- (geben) S: ant (Gabe))

3) Verbbeugung und Pronomen in Sindarin

Zunächst einge Beispiele, wie die Sindarin-Verbendungen aussehen sollten:

CE: *lindâ-nye -> *linna-ne -> *linna-n -> S: linnon (Die Lautverschiebung a->o in der 1. Person Sg. behandeln wir an dieser Stelle nicht)
CE: *lindâ-cye -> *linna-ge -> *linna-g -> S: *linnag
CE: *lindâ-lye -> *linna-le -> *linna-l -> S: *linnal
CE: *lindâ-cce -> *linna-che -> *linna-ch -> S: *linnach
CE: *lindâ-sye -> *linna-he -> *linna-h -> S: linna
CE: *lindâ-nte -> *linna-nte -> *linna-nt -> S: ?linnant

Ich möchte noch einmal betonen, daß es gute Argumente dafür gibt, daß *linnal und *linnag eher zu *linnog und ?linnol werden könnten, wohingegen die längere CE-Form lle dann das ausgeprägte *linnal hervorbringen würde. Das ist jedoch nicht das Hauptthema dieses Artikels. Darüber hinaus ist es unklar, ob die ausgeprägten Formen -nyë, -lyë, -syë, -cyë wirklich die in Sindarin beobachteten Endungen bewirken würden. Auf jeden Fall ändert sich das Ergebnis nicht, wenn man stattdessen eine CE-Verbbeugung mit den kurzen Varianten -ni, -le, -se, -ce annimmt.

Die bloße Anwendung relativ einfacher Lautverschiebungsregeln bildet jedenfalls die ganze Bandbreite beobachteter Sindarin-Verbendungen nach. Man sollte beachten, daß sich die Endung für die 3. Person Pl. mit einer anderen Form decken würde: mit der des Imperfekts. Es gibt also einen ziemlich logischen Grund, weshalb diese Form durch die Verwendung des Pluralmarkers -r ersetzt werden sollte, um die 3. Person Pl. zu bezeichnen.

Als nächstes zeigen wir, welche Formen entstehen, wenn man die Lautverschiebungsmechanismen auf die betonten und unbetonten Quenya-Pronomen anwendet:

Q: inye CE: *inye S: *in
Q: *etye CE: *ecye S: *eg
Q: *ecce CE: *ecce S: *ech
Q: elye CE: *elye S: l*el
Q: *elle CE: *elle S: *el
Q: *erye CE: *esye S: e
Q: *ero CE: *eso S: e
Q: *ere CE: *ese S: e
Q: emme CE: *emme S: *em
Q: *ente CE: *ente S: ?ent

Das ist dem, was tatsächlich beobachtet werden kann, bereits ähnlich - wir finden eine allgemeine Form für die 3. Person ohne Genusunterscheidung, e (wenn man bedenkt, daß ho in den "Etymologies" mit 'er' glossiert wird und he mit 'sie', ist es ziemlich überraschend, im "King's Letter" e für 'er' vorzufinden), und wir finden eine weitere Form, die fast wie im (ich) aussieht. Diese Form würde sich jedoch mit der des bestimmten Pluralartikels decken (der in Sindarin sehr häufig gebraucht wird), so daß dies ein Beweggrund wäre, diesen Konsonanten durch den charakteristischen Konsonanten der 1. Person Pl. zu ersetzen, wobei der Unterschied durch die merkwürdige Wahl des Vokals i in der 1. Person Sg. nach wie vor offenkundig wäre.

Q: ni CE: *ni S: *ni
Q: *ce CE: *ce S: *ce
Q: le CE: *le S: *le
Q: me CE: *me S: *me
Q: so CE: *so S: *so
Q: se CE: *se S: *se
Q: sa CE: *sa S: *sa
Q: ta CE: *ta S: *ta

Keine dieser Formen ist für Sindarin im Nominativ nachgewiesen, doch der Eintrag zum Stamm S- weist darauf hin, daß Tolkien sich zu der Zeit, als er die "Etymologies" verfaßt hat, eine Lenierung bei den Nominativpronomen vorstellte. Das macht es möglich, *so, *se, *sa mit ho, he, ha zu identifizieren. Die übrigen unbetonten Pronomen scheinen eine stichhaltige Grundlage für die zuverlässiger belegte Bildung der Objekt-Pronomen zu bilden, die wir im zweiten Teil dieses Artikels behandeln werden.

Wenn man also phonetische Argumente anbringt, kann man Folgendes feststellen: Wir finden
a) die vollständige Reihe der Sindarin-Verbendungen,
b) etliche betonte Pronomen, die (teilweise) mit den belegten Formen in Übereinstimmung gebracht werden können,
c) etliche unbetonte Pronomen, die einen guten Ausgangspunkt für die Bildung direkter Objekte zu bilden scheinen.
Ich weise noch einmal darauf hin, daß indiziengestützte Vermutungen bezüglich grammatikalischer Deutung des Sindarin in diesem Zusammenhang keine Rolle spielen: Die zugrundeliegenden Konzepte wenden Lautverschiebungsmechanismen an, die in einigen 100 Einträgen in den "Etymolgies" zugänglich sind, in denen sowohl Q- als auch S-Formen aufgeführt sind und die ebenfalls der Ursprung der den Sindarin-Schreibern bekannten Mutationstafeln sind.

4) Einige Bemerkungen

Bevor wir uns dem Gebrauch der Pronomen als Objekte von Verben zuwenden, wollen wir einige der etwas obskureren Phänomene untersuchen - die Bildung der 3. Person Pl. in Quenya und das Schicksal der allgemeinen Verbformen in Quenya bei der Entwicklung zum Sindarin:

Offensichtlich zeigt Quenya keine einheitliche Bildung der 3. Person Pl.: In Verbendungen kommen sowohl die kurze Form Q: -t als auch die längere Form -ntë vor - beide enthalten den charakteristischen Konsonanten t. Dieser Konsonant ist allerdings nicht ausschließlich mit dem Plural verknüpft, wie das belegte Pronomen ta (es) zeigt. Der lange Wortanhang -ntë kann als charakteristischer Konsonant mit dem zusätzlichen Pluralmarker n verstanden werden (nicht zu verwechseln mit dem charakteristischen Konsonanten n, der die 1. Person Sg. bezeichnet), der verdeutlicht, daß pluralischer Gebrauch beabsichtigt ist. Der kurze Wortanhang -t macht diese Unterscheidung hingegen nicht. Man kann jedoch die Auffassung vertreten, daß das belegte unabhängige Pronomen der 3. Person Plural te eigtentlich von *tai abgeleitet ist, das wiederum einen weiteren (bekannten) Pluralmarker trägt: i. Ganz offensichtlich wird die 3. Person Pl. vorzugsweise durch t ausgedrückt und der Singular mit s - die Anwesenheit von Pluralmarkern allerdings könnte ein Hinweis dafür sein, daß es sich hierbei um eine Quenya-eigene Entwicklung handelt, die in CE nicht wirksam ist.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß es, obwohl Quenya üblicherweise s mit der 3. Person Sg. und t mit der 3. Person Pl. verbindet, keinen Grund gibt anzunehmen, daß CE das Gleiche tut - das Vorhandensein von Pluralmarkern weist darauf hin, daß die 3. Person Pl. ursprünglich durch das Hinzufügen von Pluralmarkern zu den Formen der 3. Person Sg. ausgedrückt wurde.

Um den zweiten Punkt diskutieren zu können, müssen wir beachten, daß es in Quenya eine allgemeine Verbform gibt (im Folgenden GQ - General Quenya - genannt), die verwendet wird, wenn das Subjekt (entweder ein Nomen oder ein Pronomen) nicht Teil der Verbendung ist. Diese allgemeine Form kann nur zwischen Singular (GSQ) und Plural (GPQ) unterscheiden. Der Plural wird durch die Verwendung des Pluralmarkers r angezeigt (der häufig verwendet wird, um den Plural für Quenya-Nomen zu bilden). Im Folgenden bezeichnen wir die Formen für die 3. Person mit Q3S (Singular) und Q3P (Plural).

Wir finden also

lassë lanta (ein Blatt fällt) (QGS)
lassi lantar (Blätter fallen) (QGP)
ni lanta (ich falle) (QGS)
sa lanta (es fällt) (QGS)
lantas (es fällt) (Q3S)
emmë lantar (wir fallen) (QGP)
lantantë (sie fallen) (Q3P)

bei A-Verben und

elda carë (ein Elb macht) (QGS)
eldar carir (Elben machen) (QGP)
ni carë (ich mache) (QGS)
sa carë (es macht) (QGS)
caris (es macht) (Q3S)
emmë carir (wir machen) (QGP)
carintë (sie machen) (Q3P)

bei einfachen Verben. Prinzipiell ist es wohl einfacher, QGS mit Q3S zu verwechseln als mit irgendeiner anderen Pronominalform im Singular ("fällt" vs. "er/sie/es fällt"), weil Sätze, die zwar ein Verb enthalten, aber das Pronomen nicht durch die Konjugationsendung des Verbs ausdrücken, eher selten sind. In ähnlicher Weise ist der 'natürlichePartner', mit dem man QGP verwechseln könnte, Q3P ("fallen" vs. "sie fallen").

Folglich haben wir zwei unterschiedliche Quenya-Formen, an denen wir die Lautveränderungen durchführen können, um ihre möglichen Sindarin-Entsprechungen zu finden:

A-Verben:

Q3S lindas führt zu S3S linna
QGS linda führt zu SGS ?linn (oder vielleicht ?lind)

Q3P lindantë führt zu S3P ?linnant
QGP lindar führt zu SGP linnar

Einfache Verben:

Q3S caris führt zu S3S ?ceri
QGS carë führt zu SGS *car (das ist beinahe câr)

Q3P carintë führt zu S3P ?cerint
QGP carir führt zu SGP cerir

Tatsächtlich findet man in Sindarin in beiden Fällen nur eine der zwei möglichen Formen, also sind möglicherweise S3S und SGS miteinander verschmolzen, eventuell auch SGP und S3P (damit ist gemeint, daß dannar vermutlich sowohl "fallen" als auch "sie fallen" ausdrückt). Was die drei oder vier verworfenen Formen betrifft, sind wir jedoch in der Lage, einen einleuchtenden Grund anzuführen, aus dem diese Formen tatsächlich nicht bevorzugt werden sollten:

SGS bei den A-Verben stimmt überein mit der Form von Nomen, die ausgehend von Verben gebildet werden, was im Fall der A-Verben häufig dadurch geschieht, daß das auslautende -a wegfällt (cf. das Muster maetha -> maeth (Kampf)).

S3P bei den A-Verben stimmt, wie bereits oben erwähnt, mit der Imperfekt-Form überein.

S3S bei einfachen Verben stimmt schließlich mit der in den "Etymolgies" belegten Infinitiv-Form überein.

Schlußbemerkung: Aufgrund der Beschaffenheit dieser allgemeinen Form ist es klar, warum wir kein CE-Pronomen **re erwarten. Ähnlich: Verbformen auf -r würden nur dann auftauchen, wenn ein Subjekt im entsprechenden Satz ausdrücklich erwähnt ist. Eine Partikel, die nichts weiter aussagen kann, als daß sie selbst Plural ist, ist jedoch nicht notwendig.

Teil II - Pronomen als Verbobjekte

1) Die merkwürdige Verwendung von -n

Wir sind jetzt einen Schritt weiter, und in diesem Stadium kann das etwas planlose Anwenden von Lautverschiebungsmechanismen nicht mehr alles leisten. Also müssen wir jetzt den tatsächlichen Gebrauch von Pronomen in Sindarin-Sätzen beobachten und Schlußfolgerungen aus diesen Beobachtungen ziehen.

Betrachten wir die folgenden Beispiele:

A tiro nin, Fanuilos! (Oh, sieh zu mir her, Immerweiß!) (übersetzt in RGEO:72)
caro den i innas lin (dein Wille geschehe; wörtl. vermutlich 'mache es zu deinem Willen')
edro hi ammen (öffne dich jetzt für uns) (LotR1/II Kap. 4, übersetzt in RS:463)

Dem ersten Beispiel entnehmen wir nin mit der Übersetzung 'zu mir her'. Es ist allerdings möglich, daß es sich dabei um eine sehr freie Übersetzung handelt ('zu ... her'/'in Richtung von' würde normalerweise durch die Präposition na ausgedrückt) und daß die wörtliche Bedeutung eher 'Oh, sieh mich an!' lautet, weswegen es wahrscheinlich ist, daß der Ausdruck ein Akkusativpronomen (nin) enthält.

Das zweite Beispiel ist nicht wirklich unzweideutig, aber wenn den hier ein Pronomen ist, ist es wiederum wahrscheinlich, daß es sich dabei um ein direktes zu caro im Akkusativ handelt.

Das dritte Beispiel enthält das (ziemlich durchschaubare) Kompositum an + men -> ammen, das den Zusammenhang 'für uns, zu unserem Vorteil/Nutzen' ausdrückt. Wir können also zwar die Form men identifizieren, aber keine Schlüsse über ihre Verwendung ziehen (eben dieses Kompositum findet sich an vielen anderen Stellen, aber keine dieser Stellen ändert diesen Sachverhalt).

Auch wenn keines dieser Beispiele wirklich eindeutig ist, liegt der Schluß nahe, daß Pronominalformen, die als direkte Objekte verwendet werden, in Sindarin auf -n enden. Hierbei handelt es sich um eine sehr geläufige Annahme und wir werden ihr an dieser Stelle nicht widersprechen. Sie erlaubt darüber hinaus eine weitere Klarstellung in bezug auf den Eintrag S- in den "Etymologies":

S- Stamm des Demonstrativums. sû, sô er (cf. -so Verbbeugung); sî, sê sie (cf. -se Verbbeugung). Cf. N ho, hon, hono er; he, hen, hene sie; ha, han, hana es; Plurale: huin, hîn, hein.

Aufbauend auf unsere früheren Schlußfolgerungen nehmen wir an, daß ho den Nominativ 'er' und hon den Akkusativ 'ihn' bezeichnet (und daß die übrigen Formen entsprechend behandelt werden können). Das wiederum weist darauf hin, daß hono tatsächlich nicht als Variante von ho aufgefaßt werden sollte - wobei wir die Deutung von hono in den dritten Teil dieses Artikels verschieben. Es ist ziemlich merkwürdig, daß nur für die Formen, die auf -n enden, Plurale angegeben sind - bedeutet das, daß ho, hon, hono einen gemeinsamen Plural huin bilden? Diese Frage verschieben wir zunächst ebenfalls.

Wenn wir unsere unabhängigen Pronomen zusammenstellen und uns ihnen mit dem Konzept nähern, daß ein Objekt bzw. die Objektform durch das Anhängen von -n gebildet wird, erhalten wir:

S: nin
S: *cen
S: *len
S: men
S: *son
S: *sen
S: *san
S: *tan

Wenn man bedenkt, daß direkte Objekte eines Verbs in Sindarin leniert werden (den Beweis hierfür werden wir an dieser Stelle nicht antreten), können wir wiederum *son, *sen, *san mit hon, hen und han aus den "Etymologies" identifizieren. So gesehen funktioniert diese einfache Idee ziemlich gut - nur *tan (oder leniert *dan) scheint nicht mit dem belegten den übereinzustimmen. Da mir eine grundsätzliche Erklärung dafür fehlt, nehme ich an, daß diese Form zwar ihren charakteristischen Konsonanten behalten hat, daß aber der Vokal in der Entwicklung zum Sindarin gleichsam 'an die Regelmäßigkeit angepaßt' und zu e geworden ist, um eine Übereinstimmung mit den übrigen Formen zu erreichen. Wir hätten dann also *te (es, Nominativ) und ten (es, Gebrauch als Objekt).

Man könnte mit dem Gedanken spielen, das gleiche Verfahren bei den betonten Varianten der Pronomen anzuwenden, aber solche Konstruktionen sind für Quenya nur selten belegt und für Sindarin überhaupt nicht, so daß wir diese Frage hier gar nicht erst angehen.

Untersuchen wir jetzt die Hauptschwierigkeiten der ansonsten recht eleganten Annahme, daß -n ein Objektpronomen bildet: 1) In Sindarin gibt es keine Kasusdeklination und 2) Auch in Quenya finden sich Pronomen wie nin und men, aber sie bezeichnen Dativ-Objekte.

Es ist sehr wahrscheinlich, daß das selbe CE-Element sowohl für die Kasusdeklination -n in Quenya als auch für die Sindarin-Präposition an verantwortlich ist. Infolgedessen könnten auch die Formen auf -n in Sindarin ursprünglich den Dativ ausgedrückt haben. Die Unterscheidung zwischen direktem Objekt im Akkusativ und direktem Objekt im Dativ ist in Sindarin etwas verschwommen, wie aus folgendem Beispiel hervorgeht:

Anno ammen i mbas ilaurui vín (Unser tägliches Brot gib uns heute) and
Ónen i-Estel Edain (Ich habe den Dúnedain Hoffnung gegeben)

Das erste Beispiel zeigt zwar die Verwendung der Präposition an für den Sindarin-Dativ, aber das zweite Beispiel zeigt, daß es ebenfalls zulässig ist, den Dativ durch ein direktes Objekt ohne Präposition auszudrücken, wobei möglicherweise nur die Wortstellung im Satz den Unterschied zwischen Akkusativ und Dativ markiert. Im Umkehrschluß könnte eine frühe Dativform auf -n leicht mit dem ursprünglichen direkten Objekt verwechselt werden und es daher schließlich ersetzen. Ungeachtet der zugrundeliegenden Gründe zeigen die belegten Sindarin-Beispiele jedoch, daß diese Formen auf -n mit großer Wahrscheinlichkeit in dieser 'allgemeinen' Objektbedeutung verwendet werden.

2) Zusammengesetzte Formen mit an

Wir finden eine zweite Klasse Objektpronomen in Sindarin-Texten, die nur im Dativ verwendet werden und die leicht als Komposita der Präposition an und der Formen, über die wir bereits gesprochen haben, identifiziert werden können. Da wir davon ausgegangen sind, daß das -n, welches wir in den oben behandelten Objektpronomen vorfinden, der Dativ-Endung der Quenya-Deklination entspricht, muß die Verwendung der Vorsilbe an eine dem Sindarin eigene Konstruktion sein, und wir können nicht davon ausgehen, daß wir Enstprechungen in Quenya finden werden (abgesehen natürlich von der Verwendung dieser Formen, da die Absicht, Dativ auszudrücken, gleichbleibt). Wir finden in Sindarin-Texten drei unterschiedliche Formen:

Anno ammen... (gib uns...) (VT44:21, 22)
ú-chebin estel anim (für mich selbst habe ich keine Hoffnung behalten) (LotR Appendix A)
Guren bêd enni (mein Herz (Inneres) sagt mir) (VT41:11)

Auf der Grundlage der vorangegangenen Ausführungen würde man also ammen als die um die Vorsilbe an erweiterte Objektform *men identifizieren, anim als die mit dieser Vorsilbe versehene Form des betonten Pronomens im und enni als eine Verbindung aus dem unbetonten Pronomen *ni und dem vorangestellten an, die der i-Umlautung unterworfen ist. Eine erste technische Frage - warum findet bei anim keine i-Umlautung statt? Offensichtlich sind Vorsilben nicht immer der i-Umlautung unterworfen, siehe z.B. die Infinitive esgeri (von osgar- (drumherumschneiden)) und ortheri (von orthor- (erobern)). Vielleicht hat Tolkien diesen Freiraum genutzt, um die Form **enim zu vermeiden (die wahrscheinlich die meisten Leser/innen dieses Artikels nicht stören würde, abgesehen von denjenigen, die wissen, daß sie mit dem lateinischen Wort für 'nämlich' übereinstimmt - Tolkien war sich dessen wohl bewußt...).

Die Übersetzungen dieser Passagen unterstützen die These, daß im eine betonte Form ist und ni nicht: Es ist deutlich, daß 'für mich selbst' eine stärkere Form ist als 'mir'.

Merkwürdig ist, daß die Form ammen sowohl die Vorsilbe an als auch ein auslautendes -n hat (daß die Objektform also anstelle der Nominativform die Grundlage der Konstruktion ist und die Kasusdeklination vielleicht zweimal ausdrückt). Die Tatsache, daß diese Form ziemlich häufig im Korpus vorkommt, deutet darauf hin, daß die Verwendung der Objektform für eine solche Konstruktion nicht wirklich ungewöhnlich ist. Es ist also möglich, daß sowohl enni als auch *ennin zulässig sein könnten.

Abschließend sei erwähnt, daß zusammengesetzte Formen mit an- üblicherweise den Dativ ausdrücken und daß ihre Verwendung als Akkusativobjekte nicht beobachtet werden kann.

3) Die Ausnahme: le

Es gibt eine Form im Korpus der Sindarin-Texte, die nicht in das oben entwickelte Muster paßt: le. Wir finden sie in folgenden Beispielen:

Fanuilos le linnathon (zu dir, Immerweiß, will ich singen) (LotR:1/II Kap. 1 und RGEO:72)
le nallon sí di-nguruthos (zu dir schreie ich nun im [wörtl. unter dem] Schatten des Todes) (RGEO:72)
le linnon im Tinúviel (unübersetzt, wahrscheinlich 'zu dir singe ich, ich, Tinúviel') (The Lays of Beleriand p. 354)

Mit der Formulierung "diese Form paßt nicht ins Muster" ist hier nicht gemeint, daß sie im oben skizzierten Rekonstruktionsprozeß nicht auftaucht: Wir rekonstruieren sehr wohl eine Form le - es sollte sich dabei allerdings um ein unbetontes Nominativpronomen handeln. Das oben angeführte Beispiel legt jedoch nahe, daß diese Form als Dativ gebraucht wird (Ich [werde] zu deinem Nutzen singen).

Wie haben wir das zu verstehen? In RGEO:73 heißt es, das Pronomen habe seinen Ursprung in Quenya. Während der oben beschriebene Rekonstruktionsprozeß nahelegen könnte, daß dies für alle Pronomen gilt, besteht ein wesentlicher konzeptioneller Unterschied: Wir haben in unserer Analyse Quenya-Formen verwendet, um die ihnen zugrundeliegenden CE-Formen zu rekonstruieren, und von diesen ausgehend haben wir wiederum die Sindarin-Formen rekonstruiert. Dieses Pronomen, so heißt es, hat sich nun direkt aus Quenya entwickelt, und nimmt daher eine Sonderrolle ein (der Quenya-Dativ wäre allerdings ebenfalls len - die Sindar müssen also irgendetwas mißverstanden haben, als sie es übernahmen...). Wie dem auch sei, dieser Sachverhalt weist diesem Pronomen eine Sonderrolle zu und aus welchem Grund auch immer Tolkien diese spezielle Form gewählt haben mag - wir werden sie als eine Ausnahme zum üblichen Gebrauch der Objektpronomen behandeln.

Man sollte demnach vermutlich anstelle der regelmäßigeren Formen *len, *alle oder *allen einfach le einsetzen.

Teil III. Besitzanzeigende Marker

1) Besitzanzeigende Endungen

Wir beginnen die Untersuchung von besitzanzeigenden Formen mit einem Phänomen, das in Sindarin relativ selten zu finden ist - besitzanzeigende Endungen (Possessivendungen). In VT:41 erfahren wir, daß 'Mein Herz sagt mir' mit órenya quete nin in Quenya, mit ôre nia pete nin in Telerin und mit guren bêd enni in Sindarin wiedergegeben wird (auf diese Weise wird eine ausdrückliche Verbindung von Sindarin guren zu Quenya órenya (mein Herz) hergestellt). Ein zweites Beispiel findet sich in Gandalfs Versuch, die Tore von Moria zu öffnen: hier taucht lammen (meine Zunge) auf.

Man beachte, daß eine Form wie lammen in Sindarin sehr schwierig zu verstehen wäre: Es kann sich nicht um eine Endung -en handeln, die an das Wort lam (Zunge) angehängt wurde, da daraus lediglich **lamen werden würde. Es kann sich jedoch auch nicht um die Endung -men handeln, da wir weder **gurmen noch **gurven vorfinden. Aus Sicht der Sprachentwicklung jedoch ergibt all das einen vollkommen schlüssigen Sinn: In Quenya ist es lambenya, daraus wird zunächst *lamme-na und schließlich S: lammen (tolkienseidank muß ich hier kein zweites Beispiel ausführen... er hat es bereits getan - siehe oben).

Der gewissenhafte Leser wird ohne Schwierigkeiten bestätigen können, daß der Quenya-Unterschied zwischen dem besitzanzeigenden -nya und der Verbendung -nyë bei der Entwicklung zu Sindarin verloren gehen wird und daß die dann entstehenden Formen absolut analog zur Verbbeugung sind, d.h. 'deine Zunge' würde zu *lammel, 'unsere Zunge' zu *lammem~ und so weiter.

Diese Übereinstimmung hat allerdings tiefgreifende Folgen: Es ist eher ein 'Unfall', daß wir augenscheinlich in beiden Fällen die Endung **-en beobachten: Das liegt nur daran, daß dies in beiden Fällen der ursprüngliche Vokal ist. Eine Form wie Q: arda (Gebiet) würde jedoch zu ardanya (mein Gebiet) führen und das wiederum würde zu S: *ardhan werden. Ähnlich würde osto (Festung) zu Q: ostonya (meine Festung) führen und daraus würde dann S: *oston werden.

Im Fall von Wörtern, die ursprünglich mit einem Konsonanten enden, könnte dies zu einer zusätzlichen Komplikation führen: Q und CE: atar würde durch die Verwendung des für die 1. Person Sg. charakteristischen -i- als Bindevokal zu Q: atarinya (mein Vater) führen, und das wiederum würde zu S: *ederin (der i-Umlautung unterworfen) werden, aber 'dein Vater' würde Q: atarelya und S: *adarel produzieren.

Wenig verwunderlich, daß diese Formen in Sindarin nicht häufig zu finden sind, aber vermutlich lediglich in altertümlichen Sprachmustern überleben.

2) Besitzanzeigende Adjektive

Die gebräuchlichere Art, in Sindarin Besitzverhältnisse auszudrücken, ist die Verwendung von Formen, die sich augenscheinlich wie Adjektive verhalten (d.h. dem Nomen folgen und in dieser Position leniert werden). Verglichen mit den übrigen Pronomen finden wir hierfür eine Vielzahl von Beispielen im Korpus:

mhellyn în phain (alle seine Freunde) (SD:128 )
Meril bess dîn (Rose, seine Ehefrau) (SD:128 )
ered e-mbar nín (die Berge meiner Heimat) (UT:40, übersetzt in UT:54)
Adar nín (mein Vater) (VT:44)
i eneth lín (dein Wille) (VT:44)
i arnad lín (dein (König-)Reich) (VT:44)
i innas lin (dein Wille) (VT:44)
i mbas ilaurui vín (unser tägliches Brot) (VT:44)
i úgerth vin (unsere Fehltaten (Schuld)) (VT:44)

Mit der Ausnahme în enthalten alle diese Formen einen charakteristischen Konsonanten, der die Person anzeigt, den Vokal i und die Endung -n. Trotz der drei unterschiedlichen Längungsmuster, d.h. i, í und î, nehmen wir an, daß alle diese Formen zu í angeglichen werden sollten: Die Unterscheidung zwischen í und î kann in Tengwar sowieso nicht dargestellt werden, und í und i sind in Tolkiens Handschrift leicht zu verwechseln - wir werden weiter unten Gründe finden, die zeigen, daß dieses í vorzugsweise lang sein sollte, um im Gesamtzusammenhang einen Sinn zu ergeben.

Um die belegten Possessiv-Adjektive mit den bisher besprochenen Formen in Übereinstimmung zu bringen, sollten wir für folgende Dinge Erklärungen beibringen: a) eine Längung des Vokals, b) die Verschiebung des Vokals e -> i (mit Ausnahme der 1. Person Sg.) und c) die Formen hono, hene, hana, die wir bisher noch in keine Übereinstimmung gebracht haben (es sind nicht mehr viele Pronomen übrig...).

Mit Hilfe einer etwas gewagten, aber begründeten Vermutung können wir diese Probleme zu einem zusammenfassen (das letzte bleibt ungeklärt...): Nehmen wir an, wir beginnen mit einer Form hene und aus irgendeinem Grund wird der erste Vokal lang, so daß wir *héne erhalten. Bei Erreichen der Stufe des Alt-Sindarin (OS; Old Sindarin) passiert folgendes:

When not final, the quality of three of the primitive long vowels was altered in Old Sindarin: â became ó (this change is explicitly mentioned in LR:392 s.v. THÔN), ê became í and ô became ú. (Fauskanger, 'Old Sindarin - between Primitive Elvish and Grey-elven')

Also haben wir *híne (weil das erste e nicht auslautend war), und der Verlust des auslautenden Vokals führt dann zu hín. Auf die gleiche Art wären wir zu mín gelangt, wenn wir von *mene ausgegangen wären, und das ist genau die Form, die wir gerne wollen. Damit das auch funktioniert, müssen wir annehmen, daß Tolkiens Eintrag in den "Etymologies" sich auf eine archaische Version der Pronomen bezieht und daß der Vokal tatsächlich lang ist (dies schließt an die Diskussion über die Interpretation der Akzente an, s.o.).

Können wir eine unabhängige Bestätigung dieses Zusammenhangs finden? In Quenya sind ausschließlich besitzanzeigende Endungen (s.o.) zum Ausdruck von Besitzverhältnissen belegt, aber es findet sich das zum Stamm TA- gehörige tana. Hierbei handelt es sich zwar nicht um ein besitzanzeigendes Wort, sondern um ein hinweisendes (Demonstrativum), aber wichtig ist, daß es sich grammatikalisch wie ein Adjektiv verhält, d.h. Q: cirya tana (jenes Schiff). Auf dieser Grundlage erscheint die Annahme, daß die Formen hono, hene und hana ähnliche in adjektivische Formen mündende Ausführungen des Stammes sein könnten, plötzlich gar nicht mehr so exotisch.

Wenn dem so ist, können wir die entsprechenden Possessiv-Formen zu hon, hen, han ableiten. Sie würden sich folgendermaßen verhalten: hono -> *hóno -> *húno -> *hún (sein, mask.), hene -> *héne -> *híne -> *hín (ihr) und hana -> *hána -> *hóna -> *hón (sein, neutr.).

3) în

Zu diskutieren bleibt der mysteriöse Ursprung von în. Diese Form weist keinen charakteristischen Konsonanten auf (was ziemlich seltsam ist). wir können zwar, wenn wir uns rückwärts bewegen, eine Objektform wie ?ene rekonstruieren, doch auch diese Form hat in Quenya kein Gegenstück, also gewinnen wir dadurch nicht viel.

Wenn wir den Gebrauch von în in tatsächlichen Texten untersuchen, sehen wir, daß es sich dabei um ein Reflexivpronomen handelt, d.h. um ein Pronomen, das auf das Subjekt des Satzes zurückverweist: e aníra suilannad mhellyn în phain (er (Aragorn) wünscht, Grüße an alle seine (Aragorns) Freunde zu senden). Folglich könnte man vermuten, daß es sich um eine allgemeine reflexive Form handelt und daß daher kein charakteristischer Konsonant erforderlich ist - es könnte immer einen Rückbezug auf das Subjekt bezeichnen.

Um diese Vermutung zu verdeutlichen: 'Ich sehe mein Gesicht' könnte möglicherweise in Sindarin mit *cenin níf în wiedergegeben werden, wobei das Pronomen auf das Subjekt 'ich' zurückverweisen und dadurch anzeigen könnte, daß ich 'mein eigenes Gesicht' sehe. Aber das ist nur eine Vermutung, die auf dem Fehlen eines charakteristischen Konsonanten basiert - aufgrund dieser einen Form können keine verläßlichen Schlußfolgerungen gezogen werden.

Teil IV - Aufräumarbeiten

Die Gedanken in diesem letzten Teil der Analyse unterscheiden sich von den in den vorhergehenden Teilen entwickelten dadurch, daß sie spekulativer sind. Vorher wurde gezeigt, daß man die Struktur des Pronominalsystems in Sindarin verstehen kann, wenn man ziemlich bekannte Konzepte miteinander kombiniert. Diese Vorgehensweise hat jedoch einige Lücken offen gelassen, die nicht durch Quenya-Analogien oder Beobachtung des Formengebrauchs in Sindarin-Texten geschlossen werden können. Daher werde ich, um diese Lücken dennoch füllen zu können, einige wohlbegründete Vermutungen anstellen, wobei ich stillschweigend voraussetze, daß sich der Leser dessen bewußt ist, daß ich diese Spekulationen mit weniger Sicherheit äußere als das, was ich voher gesagt habe.

1) Plurale

Die Bildung der 1. Person Plural ist ziemlich einfach: Wir beobachten eine Verschiebung des charakteristischen Konsonanten von n (ich) zu m (wir). Die zweite Person jedoch ist ziemlich verzwickt: Tolkien sagt:
All these languages...had, or originally had, no distinction between the singular and plural of the second person pronouns; but they had a marked distinction between the familiar forms and the courteous (PM:42-43).
Dies jedoch änderte sich später: In WJ:364 beschreibt Tolkien (für Quenya) ein reduced pronomial affix -t (sg) and -l (pl), was in krassem Gegensatz zur ersten Aussage steht. Je nach dem, welcher Periode in Tolkiens Schaffen man die größte Bedeutung zumißt, kann man also folgendes miteinander verbinden:
a) c mit der 2. Person Sg. und l mit der 2. Person Pl.
b) c mit der 2. Person informell und l mit der 2. Person in der Höflichkeitsform
c) c mit der 2. Person informell Sg., cc mit der 2. Person informell Pl., l mit der 2. Person in der Höflichkeitsform Sg., ll mit der 2. Person in der Höflichkeitsform Pl.
Offensichtlich kann diese Frage nicht eindeutig geklärt werden.

Es bleibt die Pluralbildung der 3. Person zu diskutieren. Wir haben bereits erläutert, daß dies in Quenya durch eine Veränderung des charakteristischen Konsonanten geschieht, aber wir haben ebenfalls darauf hingewiesen, daß das in CE keinesfalls ebenso sein muß. Tatsächlich können wir in Sindarin aus Meril bess dîn (Rose, seine Ehefrau) herleiten, daß t im Singular verwendet wird, und die "Etymologies" sagen, daß die von S- abgeleiteten Formen ebenfalls den Singular bezeichnen. Jedoch haben wir die (Noldorin-)Pluralformen huin, hîn, hein. Wir können diese vorsichtig zu hyn, hîn, hain sindarinisieren. Die letzte Form ist tatsächlich in der Inschrift auf den Toren von Moria belegt: Im Narvi hain echant (Ich Narvi habe sie gemacht), und daraus schließen wir ebenfalls, daß die aufgeführten Pluralformen mit den Objektpronomen in Verbindung gebracht werden sollten und daß die 3. Person Plural in Sindarin durch i-Umlautung gebildet wird.

Bei den Nominativ-Formen ho, he, ha würde das Hinzufügen des Pluralmarkers zu *hoi, *hei, *hai führen, was wiederum in Sindarin zu *hy, *hí, *hai werden könnte. Was die Possessiv-Formen betrifft, spielt in unserem kleinen Szenario offensichtlich die Reihenfolge, in der man die Vokalverschiebungen und die i-Umlautung vollzieht, eine Rolle - also laßt uns die Daumen drücken und hoffen, daß die i-Umlautung nur dann stattgefunden hat, wenn der auslautende Vokal wegfiel - denn dann finden wir *hún -> *huin, *hín -> *hín und *hón -> *hýn. Das ist allerdings extrem unsicher...

Auf ähnliche Art können wir vielleicht *te -> *ty , ten -> *tyn, tín -> *tín folgern, um die Gruppe mit t abzudecken.

2) mín und die Frage der Lenierung

In 'Ae adar' (VT:44) finden wir die Phrase sui mín i gohenam, offensichtlich 'wie wir, die wir vergeben'. Dieses mín ist keine neue Form, aber wir hätten erwartet, daß sie als Possessiv-Adjektiv verwendet würde - doch hier sehen wir sie ganz offensichtlich in einer anderen Funktion. Beachtenswert ist auch, daß sie hier nicht leniert ist, trotz der Tatsache, daß einige dargelegt haben, daß das mit einem Vokal endende sui Lenierung des folgenden Wortes verursachen sollte. Wir dürfen vermuten, daß die Verwendung einer Possessiv-Form ohne Verknüpfung mit einem Nomen hier zu der Vorstellung von 'wir selbst' führen würde; und das würde wiederum eine zweite Gruppe von betonten Formen eröffnen, und zwar *nín câr han (ich selbst tue es, wörtlich 'ich selbst tut es').

Wie dem auch sei, die Tatsache, daß wir trotz guter Gründe, die für eine Lenierung sprechen, eine unlenierte Form vorfinden, ist mit Sicherheit interessant. Wir haben zuvor bereits erwähnt, daß der Eintrag S- darauf hinweist, daß sich Tolkien auch beim nominativen Gebrauch eines Pronomens Lenierung vorgestellt hat. Doch diese Verwendung der unlenierten Form mín könnte auf eine Änderung dieser Entscheidung in einem späteren Stadium hinweisen; es könnte also möglich sein, daß *so, *se*, *sa (er, sie, es) die korrekte Version im späteren Sindarin ist.

3) Ein möglicher Unterschied zwischen *sa und *te

Wir wissen, daß die Form den in Sindarin 'es' bezeichnet, und wir wissen weiterhin, daß dîn mit 'sein' übersetzt wird; daher ist die Form, im Gegensatz zu ho, he, ha, ein allgemeiner Ausdruck für alle Genera. Wir haben dargelegt, daß es nicht verwendet wird, um zwischen Singular und Plural zu unterscheiden (wie es in Quenya der Fall ist). Was ist also der Unterschied? Es gibt nicht viel, auf das wir uns stützen können, aber in Quenya kennen wir die zwei Demonstrativ-Formen Q: sina (dieses), welches Dinge in der Nähe des Sprechers bezeichnet, und Q: tana (jenes), das Dinge bezeichnet, die sich weiter entfernt vom Sprecher befinden. Offensichtlich sind diese Demonstrativpronomen von den gleichen Stämmen S- und TA abgeleitet, die auch den Personalpronomen zugrunde liegen - wir können also mit einigem Recht die Verwendung dieser Pronomen als Orientierung benutzen.

Wir können diese Annahme am Korpus überprüfen: Im Narvi hain echant bezieht sich auf die Tore direkt vor dem Schreiber, also würde man erwarten, daß die S--Gruppe hier verwendet wird. Meril bess dîn bezieht sich auf Sams Ehefrau, die zu der Zeit, als Aragorn den Brief schreibt (oder jemanden den Brief schreiben läßt), weit enfernt ist. Schließlich bezieht sich caro den auf ein allgemeines 'es', das nicht ausdrücklich erwähnt wird. Es gibt also einen Grund anzunehmen, daß es sich nicht notwendigerweise in der Nähe des Sprechers befinden muß - daher ist die Wahl der TA-Gruppe verständlich. Dies ist allerdings vielleicht keine besonders stichhaltige Unterscheidung.

Teil V - Zusammenfassung

Warum solltet ihr all dies (naja, zumindest Teile davon) glauben? Zuerst, weil besonders der erste Teil auf bekannten Dingen fußt - keine abgehobene grammatikalische Hypothese ist erforderlich, um die meisten pronominalen Verbendungen in Sindarin abzuleiten und die meisten der Pronomen zu erhalten - man bekommt all dies fast umsonst durch Anwenden einfacher phonetischer Sprachentwicklungsmechanismen. Dort, wo man es überprüfen kann, also in der Identifikation von ni mit einem unbetonten Pronomen und von im mit der betonten Version, findet sich Übereinstimmung mit vorhandenen Texten, und in Situationen wie der Beschreibung von lammen muß eine Beschreibung, die nicht auf der Sprachentwicklungsgeschichte basiert, klar fehlschlagen. Alles in allem müssen die meisten Annahmen bei der Deutung von einzelnen Formen gemacht werden, eine Aufgabe, die extrem schwierig ist, weil Tolkien seine Absichten geändert hat - es gibt in diesen Fällen also keine endgültige Rekonstruktion. Die meisten der übrigen Annahmen (wie die einer Längung des Vokals in der Possessiv-Form) fußen auf Beobachtungen des Korpus, so daß es offensichtlich ist, daß derartige Dinge existieren, auch wenn wir keine Erklärung dafür haben. Also - denkt über das ganze Szenario ruhig einmal nach - es ist in der Lage, eine ganze Menge zu erklären...

Danksagung

Vielen Dank an Lothenon und Eirien für lange Diskussionen über diese Themen. Außerdem an Jana für die Übersetzung aus dem Englischen und an Tara für ständiges Mißtrauen gegenüber meinen Ideen.

Die englische Originalversion dieses Artikels is zu finden unter
CE views on the Sindarin pronomial system

Thorsten Renk
thorsten@sindarin.de