Pronomen II

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Eine Frage des Blickwinkels - Überlegungen zum Pronominalsystem im Sindarin

 Teil II - Pronomen als Verbobjekte 

1) Die merkwürdige Verwendung von -n

2) Zusammengesetzte Formen mit an

3) Die Ausnahme: le

1) Die merkwürdige Verwendung von -n

Wir sind jetzt einen Schritt weiter, und in diesem Stadium kann das etwas planlose Anwenden von Lautverschiebungsmechanismen nicht mehr alles leisten. Also müssen wir jetzt den tatsächlichen Gebrauch von Pronomen in Sindarin-Sätzen beobachten und Schlussfolgerungen aus diesen Beobachtungen ziehen.

Betrachten wir die folgenden Beispiele:
A tiro nin, Fanuilos! (Oh, sieh zu mir her, Immerweiß!) (übersetzt in RGEO:72)
caro den i innas lin (dein Wille geschehe; wörtl. vermutlich 'mache es zu deinem Willen')
edro hi ammen (öffne dich jetzt für uns) (LotR1/II Kap. 4, übersetzt in RS:463)

Dem ersten Beispiel entnehmen wir nin mit der Übersetzung 'zu mir her'. Es ist allerdings möglich, daß es sich dabei um eine sehr freie Übersetzung handelt ('zu ... her'/'in Richtung von' würde normalerweise durch die Präposition na ausgedrückt) und dass die wörtliche Bedeutung eher 'Oh, sieh mich an!' lautet, weswegen es wahrscheinlich ist, dass der Ausdruck ein Akkusativpronomen (nin) enthält.

Das zweite Beispiel ist nicht wirklich unzweideutig, aber wenn den hier ein Pronomen ist, ist es wiederum wahrscheinlich, dass es sich dabei um ein direktes zu caro im Akkusativ handelt.

Das dritte Beispiel enthält das (ziemlich durchschaubare) Kompositum an + men -> ammen, das den Zusammenhang 'für uns, zu unserem Vorteil/Nutzen' ausdrückt. Wir können also zwar die Form men identifizieren, aber keine Schlüsse über ihre Verwendung ziehen (eben dieses Kompositum findet sich an vielen anderen Stellen, aber keine dieser Stellen ändert diesen Sachverhalt).

Auch wenn keines dieser Beispiele wirklich eindeutig ist, liegt der Schluss nahe, dass Pronominalformen, die als direkte Objekte verwendet werden, in Sindarin auf -n enden. Hierbei handelt es sich um eine sehr geläufige Annahme und wir werden ihr an dieser Stelle nicht widersprechen. Sie erlaubt darüber hinaus eine weitere Klarstellung in bezug auf den Eintrag S- in den "Etymologies":

S- Stamm des Demonstrativums. sû, sô er (cf. -so Verbbeugung); sî, sê sie (cf. -se Verbbeugung). Cf. N ho, hon, hono er; he, hen, hene sie; ha, han, hana es; Plurale: huin, hîn, hein.

Aufbauend auf unsere früheren Schlussfolgerungen nehmen wir an, dass ho den Nominativ 'er' und hon den Akkusativ 'ihn' bezeichnet (und dass die übrigen Formen entsprechend behandelt werden können). Das wiederum weist darauf hin, dass hono tatsächlich nicht als Variante von ho aufgefasst werden sollte - wobei wir die Deutung von hono in den dritten Teil dieses Artikels verschieben. Es ist ziemlich merkwürdig, dass nur für die Formen, die auf -n enden, Plurale angegeben sind - bedeutet das, dass ho, hon, hono einen gemeinsamen Plural huin bilden? Diese Frage verschieben wir zunächst ebenfalls.

Wenn wir unsere unabhängigen Pronomen zusammenstellen und uns ihnen mit dem Konzept nähern, dass ein Objekt bzw. die Objektform durch das Anhängen von -n gebildet wird, erhalten wir:

S: nin
S: *cen
S: *len
S: men
S: *son
S: *sen
S: *san
S: *tan


Wenn man bedenkt, dass direkte Objekte eines Verbs in Sindarin leniert werden (den Beweis hierfür werden wir an dieser Stelle nicht antreten), können wir wiederum *son, *sen, *san mit hon, hen und han aus den "Etymologies" identifizieren. So gesehen funktioniert diese einfache Idee ziemlich gut - nur *tan (oder leniert *dan) scheint nicht mit dem belegten den überein zu stimmen. Da mir eine grundsätzliche Erklärung dafür fehlt, nehme ich an, dass diese Form zwar ihren charakteristischen Konsonanten behalten hat, dass aber der Vokal in der Entwicklung zum Sindarin gleichsam 'an die Regelmäßigkeit angepasst' und zu e geworden ist, um eine Übereinstimmung mit den übrigen Formen zu erreichen. Wir hätten dann also *te (es, Nominativ) und ten (es, Gebrauch als Objekt).

Man könnte mit dem Gedanken spielen, das gleiche Verfahren bei den betonten Varianten der Pronomen anzuwenden, aber solche Konstruktionen sind für Quenya nur selten belegt und für Sindarin überhaupt nicht, so dass wir diese Frage hier gar nicht erst angehen.

Untersuchen wir jetzt die Hauptschwierigkeiten der ansonsten recht eleganten Annahme, dass -n ein Objektpronomen bildet: 1) In Sindarin gibt es keine Kasusdeklination und 2) Auch in Quenya finden sich Pronomen wie nin und men, aber sie bezeichnen Dativ-Objekte.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass das selbe CE-Element sowohl für die Kasusdeklination -n in Quenya als auch für die Sindarin-Präposition an verantwortlich ist. Infolgedessen könnten auch die Formen auf -n in Sindarin ursprünglich den Dativ ausgedrückt haben. Die Unterscheidung zwischen direktem Objekt im Akkusativ und direktem Objekt im Dativ ist in Sindarin etwas verschwommen, wie aus folgendem Beispiel hervorgeht:

Anno ammen i mbas ilaurui vín (Unser tägliches Brot gib uns heute) and
Ónen i-Estel Edain (Ich habe den Dúnedain Hoffnung gegeben)

Das erste Beispiel zeigt zwar die Verwendung der Präposition an für den Sindarin-Dativ, aber das zweite Beispiel zeigt, dass es ebenfalls zulässig ist, den Dativ durch ein direktes Objekt ohne Präposition auszudrücken, wobei möglicherweise nur die Wortstellung im Satz den Unterschied zwischen Akkusativ und Dativ markiert. Im Umkehrschluss könnte eine frühe Dativform auf -n leicht mit dem ursprünglichen direkten Objekt verwechselt werden und es daher schließlich ersetzen. Ungeachtet der zugrundeliegenden Gründe zeigen die belegten Sindarin-Beispiele jedoch, dass diese Formen auf -n mit großer Wahrscheinlichkeit in dieser 'allgemeinen' Objektbedeutung verwendet werden.



2) Zusammengesetzte Formen mit an

Wir finden eine zweite Klasse Objektpronomen in Sindarin-Texten, die nur im Dativ verwendet werden und die leicht als Komposita der Präposition an und der Formen, über die wir bereits gesprochen haben, identifiziert werden können. Da wir davon ausgegangen sind, dass das -n, welches wir in den oben behandelten Objektpronomen vorfinden, der Dativ-Endung der Quenya-Deklination entspricht, muss die Verwendung der Vorsilbe an eine dem Sindarin eigene Konstruktion sein, und wir können nicht davon ausgehen, dass wir Enstprechungen in Quenya finden werden (abgesehen natürlich von der Verwendung dieser Formen, da die Absicht, Dativ auszudrücken, gleich bleibt). Wir finden in Sindarin-Texten drei unterschiedliche Formen:

Anno ammen... (gib uns...) (VT44:21, 22)

ú-chebin estel anim (für mich selbst habe ich keine Hoffnung behalten) (LotR Appendix A)

Guren bêd enni (mein Herz (Inneres) sagt mir) (VT41:11)

Auf der Grundlage der vorangegangenen Ausführungen würde man also ammen als die um die Vorsilbe an erweiterte Objektform *men identifizieren, anim als die mit dieser Vorsilbe versehene Form des betonten Pronomens im und enni als eine Verbindung aus dem unbetonten Pronomen *ni und dem vorangestellten an, die der i-Umlautung unterworfen ist. Eine erste technische Frage - warum findet bei anim keine i-Umlautung statt? Offensichtlich sind Vorsilben nicht immer der i-Umlautung unterworfen, siehe z.B. die Infinitive esgeri (von osgar- (drumherum schneiden)) und ortheri (von orthor- (erobern)). Vielleicht hat Tolkien diesen Freiraum genutzt, um die Form **enim zu vermeiden (die wahrscheinlich die meisten Leser/innen dieses Artikels nicht stören würde, abgesehen von denjenigen, die wissen, dass sie mit dem lateinischen Wort für 'nämlich' übereinstimmt - Tolkien war sich dessen wohl bewusst...).

Die Übersetzungen dieser Passagen unterstützen die These, dass im eine betonte Form ist und ni nicht: Es ist deutlich, dass 'für mich selbst' eine stärkere Form ist als 'mir'.

Merkwürdig ist, dass die Form ammen sowohl die Vorsilbe an als auch ein auslautendes -n hat (dass die Objektform also anstelle der Nominativform die Grundlage der Konstruktion ist und die Kasusdeklination vielleicht zweimal ausdrückt). Die Tatsache, dass diese Form ziemlich häufig im Korpus vorkommt, deutet darauf hin, dass die Verwendung der Objektform für eine solche Konstruktion nicht wirklich ungewöhnlich ist. Es ist also möglich, dass sowohl enni als auch *ennin zulässig sein könnten.

Abschließend sei erwähnt, dass zusammengesetzte Formen mit an- üblicherweise den Dativ ausdrücken und dass ihre Verwendung als Akkusativobjekte nicht beobachtet werden kann.



3) Die Ausnahme: le

Es gibt eine Form im Korpus der Sindarin-Texte, die nicht in das oben entwickelte Muster passt: le. Wir finden sie in folgenden Beispielen:
Fanuilos le linnathon (zu dir, Immerweiß, will ich singen) (LotR:1/II Kap. 1 und RGEO:72)
le nallon sí di-nguruthos (zu dir schreie ich nun im [wörtl. unter dem] Schatten des Todes) (RGEO:72)
le linnon im Tinúviel (unübersetzt, wahrscheinlich 'zu dir singe ich, ich, Tinúviel') (The Lays of Beleriand p. 354)

Mit der Formulierung "diese Form passt nicht ins Muster" ist hier nicht gemeint, dass sie im oben skizzierten Rekonstruktionsprozeß nicht auftaucht: Wir rekonstruieren sehr wohl eine Form le - es sollte sich dabei allerdings um ein unbetontes Nominativpronomen handeln. Das oben angeführte Beispiel legt jedoch nahe, dass diese Form als Dativ gebraucht wird (Ich [werde] zu deinem Nutzen singen).

Wie haben wir das zu verstehen? In RGEO:73 heißt es, das Pronomen habe seinen Ursprung in Quenya. Während der oben beschriebene Rekonstruktionsprozess nahe legen könnte, dass dies für alle Pronomen gilt, besteht ein wesentlicher konzeptioneller Unterschied: Wir haben in unserer Analyse Quenya-Formen verwendet, um die ihnen zugrundeliegenden CE-Formen zu rekonstruieren, und von diesen ausgehend haben wir wiederum die Sindarin-Formen rekonstruiert. Dieses Pronomen, so heißt es, hat sich nun direkt aus Quenya entwickelt, und nimmt daher eine Sonderrolle ein (der Quenya-Dativ wäre allerdings ebenfalls len - die Sindar müssen also irgendetwas missverstanden haben, als sie es übernahmen...). Wie dem auch sei, dieser Sachverhalt weist diesem Pronomen eine Sonderrolle zu und aus welchem Grund auch immer Tolkien diese spezielle Form gewählt haben mag - wir werden sie als eine Ausnahme zum üblichen Gebrauch der Objektpronomen behandeln.

Man sollte demnach vermutlich anstelle der regelmäßigeren Formen *len, *alle oder *allen einfach le einsetzen.

Teil III - Besitzanzeigende Marker