Pronomen III

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Eine Frage des Blickwinkels - Überlegungen zum Pronominalsystem im Sindarin

 Teil III. Besitzanzeigende Marker 

1) Besitzanzeigende Endungen

2) Besitzanzeigende Adjektive

3) în

1) Besitzanzeigende Endungen

Wir beginnen die Untersuchung von besitzanzeigenden Formen mit einem Phänomen, das in Sindarin relativ selten zu finden ist - besitzanzeigende Endungen (Possessivendungen). In VT:41 erfahren wir, dass 'Mein Herz sagt mir' mit órenya quete nin in Quenya, mit ôre nia pete nin in Telerin und mit guren bêd enni in Sindarin wiedergegeben wird (auf diese Weise wird eine ausdrückliche Verbindung von Sindarin guren zu Quenya órenya (mein Herz) hergestellt). Ein zweites Beispiel findet sich in Gandalfs Versuch, die Tore von Moria zu öffnen: hier taucht lammen (meine Zunge) auf.

Man beachte, dass eine Form wie lammen in Sindarin sehr schwierig zu verstehen wäre: Es kann sich nicht um eine Endung -en handeln, die an das Wort lam (Zunge) angehängt wurde, da daraus lediglich **lamen werden würde. Es kann sich jedoch auch nicht um die Endung -men handeln, da wir weder **gurmen noch **gurven vorfinden. Aus Sicht der Sprachentwicklung jedoch ergibt all das einen vollkommen schlüssigen Sinn: In Quenya ist es lambenya, daraus wird zunächst *lamme-na und schließlich S: lammen (tolkienseidank muss ich hier kein zweites Beispiel ausführen... er hat es bereits getan - siehe oben).

Der gewissenhafte Leser wird ohne Schwierigkeiten bestätigen können, dass der Quenya-Unterschied zwischen dem besitzanzeigenden -nya und der Verbendung -nyë bei der Entwicklung zu Sindarin verloren gehen wird und dass die dann entstehenden Formen absolut analog zur Verbbeugung sind, d.h. 'deine Zunge' würde zu *lammel, 'unsere Zunge' zu *lammem~ und so weiter.

Diese Übereinstimmung hat allerdings tiefgreifende Folgen: Es ist eher ein 'Unfall', dass wir augenscheinlich in beiden Fällen die Endung **-en beobachten: Das liegt nur daran, dass dies in beiden Fällen der ursprüngliche Vokal ist. Eine Form wie Q: arda (Gebiet) würde jedoch zu ardanya (mein Gebiet) führen und das wiederum würde zu S: *ardhan werden. Ähnlich würde osto (Festung) zu Q: ostonya (meine Festung) führen und daraus würde dann S: *oston werden.

Im Fall von Wörtern, die ursprünglich mit einem Konsonanten enden, könnte dies zu einer zusätzlichen Komplikation führen: Q und CE: atar würde durch die Verwendung des für die 1. Person Sg. charakteristischen -i- als Bindevokal zu Q: atarinya (mein Vater) führen, und das wiederum würde zu S: *ederin (der i-Umlautung unterworfen) werden, aber 'dein Vater' würde Q: atarelya und S: *adarel produzieren.

Wenig verwunderlich, dass diese Formen in Sindarin nicht häufig zu finden sind, aber vermutlich lediglich in altertümlichen Sprachmustern überleben.


2) Besitzanzeigende Adjektive

Die gebräuchlichere Art, in Sindarin Besitzverhältnisse auszudrücken, ist die Verwendung von Formen, die sich augenscheinlich wie Adjektive verhalten (d.h. dem Nomen folgen und in dieser Position leniert werden). Verglichen mit den übrigen Pronomen finden wir hierfür eine Vielzahl von Beispielen im Korpus:

mhellyn în phain (alle seine Freunde) (SD:128 )
Meril bess dîn (Rose, seine Ehefrau) (SD:128 )
ered e-mbar nín (die Berge meiner Heimat) (UT:40, übersetzt in UT:54)
Adar nín (mein Vater) (VT:44)
i eneth lín (dein Wille) (VT:44)
i arnad lín (dein (König-)Reich) (VT:44)
i innas lin (dein Wille) (VT:44)
i mbas ilaurui vín (unser tägliches Brot) (VT:44)
i úgerth vin (unsere Fehltaten (Schuld)) (VT:44)

Mit der Ausnahme în enthalten alle diese Formen einen charakteristischen Konsonanten, der die Person anzeigt, den Vokal i und die Endung -n. Trotz der drei unterschiedlichen Längungsmuster, d.h. i, í und î, nehmen wir an, dass alle diese Formen zu í angeglichen werden sollten: Die Unterscheidung zwischen í und î kann in Tengwar sowieso nicht dargestellt werden, und í und i sind in Tolkiens Handschrift leicht zu verwechseln - wir werden weiter unten Gründe finden, die zeigen, dass dieses í vorzugsweise lang sein sollte, um im Gesamtzusammenhang einen Sinn zu ergeben.

Um die belegten Possessiv-Adjektive mit den bisher besprochenen Formen in Übereinstimmung zu bringen, sollten wir für folgende Dinge Erklärungen beibringen: a) eine Längung des Vokals, b) die Verschiebung des Vokals e -> i (mit Ausnahme der 1. Person Sg.) und c) die Formen hono, hene, hana, die wir bisher noch in keine Übereinstimmung gebracht haben (es sind nicht mehr viele Pronomen übrig...).

Mit Hilfe einer etwas gewagten, aber begründeten Vermutung können wir diese Probleme zu einem zusammenfassen (das letzte bleibt ungeklärt...): Nehmen wir an, wir beginnen mit einer Form hene und aus irgendeinem Grund wird der erste Vokal lang, so dass wir *héne erhalten. Bei Erreichen der Stufe des Alt-Sindarin (OS; Old Sindarin) passiert folgendes:

When not final, the quality of three of the primitive long vowels was altered in Old Sindarin: â became ó (this change is explicitly mentioned in LR:392 s.v. THÔN), ê became í and ô became ú. (Fauskanger, 'Old Sindarin - between Primitive Elvish and Grey-elven')

Also haben wir *híne (weil das erste e nicht auslautend war), und der Verlust des auslautenden Vokals führt dann zu hín. Auf die gleiche Art wären wir zu mín gelangt, wenn wir von *mene ausgegangen wären, und das ist genau die Form, die wir gerne wollen. Damit das auch funktioniert, müssen wir annehmen, dass Tolkiens Eintrag in den "Etymologies" sich auf eine archaische Version der Pronomen bezieht und dass der Vokal tatsächlich lang ist (dies schließt an die Diskussion über die Interpretation der Akzente an, s.o.).

Können wir eine unabhängige Bestätigung dieses Zusammenhangs finden? In Quenya sind ausschließlich besitzanzeigende Endungen (s.o.) zum Ausdruck von Besitzverhältnissen belegt, aber es findet sich das zum Stamm TA- gehörige tana. Hierbei handelt es sich zwar nicht um ein besitzanzeigendes Wort, sondern um ein hinweisendes (Demonstrativum), aber wichtig ist, dass es sich grammatikalisch wie ein Adjektiv verhält, d.h. Q: cirya tana (jenes Schiff). Auf dieser Grundlage erscheint die Annahme, dass die Formen hono, hene und hana ähnliche in adjektivische Formen mündende Ausführungen des Stammes sein könnten, plötzlich gar nicht mehr so exotisch.

Wenn dem so ist, können wir die entsprechenden Possessiv-Formen zu hon, hen, han ableiten. Sie würden sich folgendermaßen verhalten: hono -> *hóno -> *húno -> *hún (sein, mask.), hene -> *héne -> *híne -> *hín (ihr) und hana -> *hána -> *hóna -> *hón (sein, neutr.).

3) în

Zu diskutieren bleibt der mysteriöse Ursprung von în. Diese Form weist keinen charakteristischen Konsonanten auf (was ziemlich seltsam ist). wir können zwar, wenn wir uns rückwärts bewegen, eine Objektform wie ?ene rekonstruieren, doch auch diese Form hat in Quenya kein Gegenstück, also gewinnen wir dadurch nicht viel.

Wenn wir den Gebrauch von în in tatsächlichen Texten untersuchen, sehen wir, dass es sich dabei um ein Reflexivpronomen handelt, d.h. um ein Pronomen, das auf das Subjekt des Satzes zurückverweist: e aníra suilannad mhellyn în phain (er (Aragorn) wünscht, Grüße an alle seine (Aragorns) Freunde zu senden). Folglich könnte man vermuten, dass es sich um eine allgemeine reflexive Form handelt und dass daher kein charakteristischer Konsonant erforderlich ist - es könnte immer einen Rückbezug auf das Subjekt bezeichnen.

Um diese Vermutung zu verdeutlichen: 'Ich sehe mein Gesicht' könnte möglicherweise in Sindarin mit *cenin níf în wiedergegeben werden, wobei das Pronomen auf das Subjekt 'ich' zurückverweisen und dadurch anzeigen könnte, dass ich 'mein eigenes Gesicht' sehe. Aber das ist nur eine Vermutung, die auf dem Fehlen eines charakteristischen Konsonanten basiert - aufgrund dieser einen Form können keine verlässlichen Schlussfolgerungen gezogen werden.

Teil IV - Aufräumarbeiten 
 Teil V - Zusammenfassung