Es bleibt die Pluralbildung der 3. Person zu diskutieren. Wir
haben bereits erläutert, dass dies in Quenya durch eine Veränderung des
charakteristischen Konsonanten geschieht, aber wir haben ebenfalls darauf
hingewiesen, dass das in CE keinesfalls ebenso sein muss. Tatsächlich können
wir in Sindarin aus Meril bess dîn (Rose, seine Ehefrau) herleiten, dass
t im Singular verwendet wird, und die "Etymologies"
sagen, dass die von S- abgeleiteten Formen ebenfalls den Singular
bezeichnen. Jedoch haben wir die (Noldorin-)Pluralformen huin, hîn, hein.
Wir können diese vorsichtig zu hyn, hîn, hain sindarinisieren. Die
letzte Form ist tatsächlich in der Inschrift auf den Toren von Moria belegt: Im Narvi hain echant
(Ich Narvi habe sie gemacht), und daraus schließen wir ebenfalls, dass die
aufgeführten Pluralformen mit den Objektpronomen in Verbindung gebracht werden
sollten und dass die 3. Person Plural in Sindarin durch i-Umlautung gebildet
wird.
Bei den Nominativ-Formen ho, he, ha würde das Hinzufügen des
Pluralmarkers zu *hoi, *hei, *hai führen, was wiederum in Sindarin zu *hy, *hí, *hai
werden könnte. Was die Possessiv-Formen betrifft, spielt in unserem kleinen
Szenario offensichtlich die Reihenfolge, in der man die Vokalverschiebungen und
die i-Umlautung vollzieht, eine Rolle - also laßt uns die Daumen drücken und
hoffen, dass die i-Umlautung nur dann stattgefunden hat, wenn der auslautende
Vokal wegfiel - denn dann finden wir *hún -> *huin, *hín -> *hín
und *hón -> *hýn. Das ist allerdings extrem unsicher...
Auf ähnliche Art können wir vielleicht *te -> *ty , ten -> *tyn, tín -> *tín
folgern, um die Gruppe mit t abzudecken.

In 'Ae adar' (VT:44) finden wir die Phrase sui mín i gohenam,
offensichtlich 'wie wir, die wir vergeben'. Dieses mín ist keine neue
Form, aber wir hätten erwartet, dass sie als Possessiv-Adjektiv verwendet
würde - doch hier sehen wir sie ganz offensichtlich in einer anderen Funktion.
Beachtenswert ist auch, dass sie hier nicht leniert ist, trotz der Tatsache, dass
einige dargelegt haben, dass das mit einem Vokal endende sui
Lenierung des folgenden Wortes verursachen sollte. Wir dürfen vermuten, dass die Verwendung einer Possessiv-Form ohne Verknüpfung mit einem Nomen hier zu
der Vorstellung von 'wir selbst' führen würde; und das würde wiederum eine
zweite Gruppe von betonten Formen eröffnen, und zwar *nín câr han
(ich selbst tue es, wörtlich 'ich selbst tut es').
Wie dem auch sei, die Tatsache, dass wir trotz guter Gründe, die für eine
Lenierung sprechen, eine unlenierte Form vorfinden, ist mit Sicherheit
interessant. Wir haben zuvor bereits erwähnt, dass der Eintrag S-
darauf hinweist, dass sich Tolkien auch beim nominativen Gebrauch eines
Pronomens Lenierung vorgestellt hat. Doch diese Verwendung der unlenierten Form mín
könnte auf eine Änderung dieser Entscheidung in einem späteren Stadium
hinweisen; es könnte also möglich sein, dass *so, *se*, *sa (er, sie,
es) die korrekte Version im späteren Sindarin ist.

Wir wissen, dass die Form den in Sindarin 'es' bezeichnet, und wir
wissen weiterhin, dass dîn mit 'sein' übersetzt wird; daher ist die
Form, im Gegensatz zu ho, he, ha, ein allgemeiner Ausdruck für alle
Genera. Wir haben dargelegt, dass es nicht verwendet wird, um zwischen Singular
und Plural zu unterscheiden (wie es in Quenya der Fall ist). Was ist also der
Unterschied? Es gibt nicht viel, auf das wir uns stützen können, aber in
Quenya kennen wir die zwei Demonstrativ-Formen Q: sina (dieses), welches
Dinge in der Nähe des Sprechers bezeichnet, und Q: tana (jenes), das
Dinge bezeichnet, die sich weiter entfernt vom Sprecher befinden. Offensichtlich
sind diese Demonstrativpronomen von den gleichen Stämmen S- und TA
abgeleitet, die auch den Personalpronomen zugrunde liegen - wir können also mit
einigem Recht die Verwendung dieser Pronomen als Orientierung benutzen.
Wir können diese Annahme am Korpus überprüfen: Im Narvi hain echant
bezieht sich auf die Tore direkt vor dem Schreiber, also würde man erwarten, dass
die S--Gruppe hier verwendet wird. Meril bess dîn bezieht
sich auf Sams Ehefrau, die zu der Zeit, als Aragorn den Brief schreibt (oder
jemanden den Brief schreiben lässt), weit entfernt ist. Schließlich bezieht
sich caro den auf ein allgemeines 'es', das nicht ausdrücklich erwähnt
wird. Es gibt also einen Grund anzunehmen, dass es sich nicht notwendigerweise
in der Nähe des Sprechers befinden muss - daher ist die Wahl der TA-Gruppe
verständlich. Dies ist allerdings vielleicht keine besonders stichhaltige
Unterscheidung.

Warum solltet ihr all dies (naja, zumindest Teile davon) glauben? Zuerst, weil
besonders der erste Teil auf bekannten Dingen fußt - keine abgehobene
grammatikalische Hypothese ist erforderlich, um die meisten pronominalen
Verbendungen in Sindarin abzuleiten und die meisten der Pronomen zu erhalten -
man bekommt all dies fast umsonst durch Anwenden einfacher phonetischer
Sprachentwicklungsmechanismen. Dort, wo man es überprüfen kann, also in der
Identifikation von ni mit einem unbetonten Pronomen und von im
mit der betonten Version, findet sich Übereinstimmung mit vorhandenen Texten,
und in Situationen wie der Beschreibung von lammen muss eine
Beschreibung, die nicht auf der Sprachentwicklungsgeschichte basiert, klar
fehlschlagen. Alles in allem müssen die meisten Annahmen bei der Deutung von
einzelnen Formen gemacht werden, eine Aufgabe, die extrem schwierig ist, weil
Tolkien seine Absichten geändert hat - es gibt in diesen Fällen also keine
endgültige Rekonstruktion. Die meisten der übrigen Annahmen (wie die einer
Längung des Vokals in der Possessiv-Form) fußen auf Beobachtungen des Korpus,
so dass es offensichtlich ist, dass derartige Dinge existieren, auch wenn wir
keine Erklärung dafür haben. Also - denkt über das ganze Szenario ruhig
einmal nach - es ist in der Lage, eine ganze Menge zu erklären...
Danksagung
Vielen Dank an Lothenon und Eirien für lange Diskussionen über diese Themen.
Außerdem an Jana für die Übersetzung aus dem Englischen und an Tara für
ständiges Misstrauen gegenüber meinen Ideen.
Die englische Originalversion dieses Artikels is zu finden unter
CE views on the Sindarin pronomial system
Thorsten Renk
thorsten@sindarin.de
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