Pronomen IV-V

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Eine Frage des Blickwinkels - Überlegungen zum Pronominalsystem im Sindarin

Teil IV Aufräumarbeiten

1. Plurale

2. mín und die Frage der Lenierung

3. Ein möglicher Unterschied zwischen *sa und *te

Teil V - Zusammenfassung

 

Teil IV - Aufräumarbeiten

Die Gedanken in diesem letzten Teil der Analyse unterscheiden sich von den in den vorhergehenden Teilen entwickelten dadurch, dass sie spekulativer sind. Vorher wurde gezeigt, dass man die Struktur des Pronominalsystems in Sindarin verstehen kann, wenn man ziemlich bekannte Konzepte miteinander kombiniert. Diese Vorgehensweise hat jedoch einige Lücken offen gelassen, die nicht durch Quenya-Analogien oder Beobachtung des Formengebrauchs in Sindarin-Texten geschlossen werden können. Daher werde ich, um diese Lücken dennoch füllen zu können, einige wohlbegründete Vermutungen anstellen, wobei ich stillschweigend voraussetze, dass sich der Leser dessen bewusst ist, dass ich diese Spekulationen mit weniger Sicherheit äußere als das, was ich vorher gesagt habe.

1) Plurale

Die Bildung der 1. Person Plural ist ziemlich einfach: Wir beobachten eine Verschiebung des charakteristischen Konsonanten von n (ich) zu m (wir). Die zweite Person jedoch ist ziemlich verzwickt: Tolkien sagt:
All these languages...had, or originally had, no distinction between the singular and plural of the second person pronouns; but they had a marked distinction between the familiar forms and the courteous (PM:42-43).
Dies jedoch änderte sich später: In WJ:364 beschreibt Tolkien (für Quenya) ein reduced pronomial affix -t (sg) and -l (pl), was in krassem Gegensatz zur ersten Aussage steht. Je nach dem, welcher Periode in Tolkiens Schaffen man die größte Bedeutung zumisst, kann man also folgendes miteinander verbinden:
 
a) c mit der 2. Person Sg. und l mit der 2. Person Pl.
b) c mit der 2. Person informell und l mit der 2. Person in der Höflichkeitsform
c) c mit der 2. Person informell Sg., cc mit der 2. Person informell Pl., l mit der 2. Person in der Höflichkeitsform Sg., ll mit der 2. Person in der Höflichkeitsform Pl.
Offensichtlich kann diese Frage nicht eindeutig geklärt werden.

Es bleibt die Pluralbildung der 3. Person zu diskutieren. Wir haben bereits erläutert, dass dies in Quenya durch eine Veränderung des charakteristischen Konsonanten geschieht, aber wir haben ebenfalls darauf hingewiesen, dass das in CE keinesfalls ebenso sein muss. Tatsächlich können wir in Sindarin aus Meril bess dîn (Rose, seine Ehefrau) herleiten, dass t im Singular verwendet wird, und die "Etymologies" sagen, dass die von S- abgeleiteten Formen ebenfalls den Singular bezeichnen. Jedoch haben wir die (Noldorin-)Pluralformen huin, hîn, hein. Wir können diese vorsichtig zu hyn, hîn, hain sindarinisieren. Die letzte Form ist tatsächlich in der Inschrift auf den Toren von Moria belegt: Im Narvi hain echant (Ich Narvi habe sie gemacht), und daraus schließen wir ebenfalls, dass die aufgeführten Pluralformen mit den Objektpronomen in Verbindung gebracht werden sollten und dass die 3. Person Plural in Sindarin durch i-Umlautung gebildet wird.

Bei den Nominativ-Formen ho, he, ha würde das Hinzufügen des Pluralmarkers zu *hoi, *hei, *hai führen, was wiederum in Sindarin zu *hy, *hí, *hai werden könnte. Was die Possessiv-Formen betrifft, spielt in unserem kleinen Szenario offensichtlich die Reihenfolge, in der man die Vokalverschiebungen und die i-Umlautung vollzieht, eine Rolle - also laßt uns die Daumen drücken und hoffen, dass die i-Umlautung nur dann stattgefunden hat, wenn der auslautende Vokal wegfiel - denn dann finden wir *hún -> *huin, *hín -> *hín und *hón -> *hýn. Das ist allerdings extrem unsicher...

Auf ähnliche Art können wir vielleicht *te -> *ty , ten -> *tyn, tín -> *tín folgern, um die Gruppe mit t abzudecken.



2) mín und die Frage der Lenierung

In 'Ae adar' (VT:44) finden wir die Phrase sui mín i gohenam, offensichtlich 'wie wir, die wir vergeben'. Dieses mín ist keine neue Form, aber wir hätten erwartet, dass sie als Possessiv-Adjektiv verwendet würde - doch hier sehen wir sie ganz offensichtlich in einer anderen Funktion. Beachtenswert ist auch, dass sie hier nicht leniert ist, trotz der Tatsache, dass einige dargelegt haben, dass das mit einem Vokal endende sui Lenierung des folgenden Wortes verursachen sollte. Wir dürfen vermuten, dass die Verwendung einer Possessiv-Form ohne Verknüpfung mit einem Nomen hier zu der Vorstellung von 'wir selbst' führen würde; und das würde wiederum eine zweite Gruppe von betonten Formen eröffnen, und zwar *nín câr han (ich selbst tue es, wörtlich 'ich selbst tut es').

Wie dem auch sei, die Tatsache, dass wir trotz guter Gründe, die für eine Lenierung sprechen, eine unlenierte Form vorfinden, ist mit Sicherheit interessant. Wir haben zuvor bereits erwähnt, dass der Eintrag S- darauf hinweist, dass sich Tolkien auch beim nominativen Gebrauch eines Pronomens Lenierung vorgestellt hat. Doch diese Verwendung der unlenierten Form mín könnte auf eine Änderung dieser Entscheidung in einem späteren Stadium hinweisen; es könnte also möglich sein, dass *so, *se*, *sa (er, sie, es) die korrekte Version im späteren Sindarin ist.


3) Ein möglicher Unterschied zwischen *sa und *te

Wir wissen, dass die Form den in Sindarin 'es' bezeichnet, und wir wissen weiterhin, dass dîn mit 'sein' übersetzt wird; daher ist die Form, im Gegensatz zu ho, he, ha, ein allgemeiner Ausdruck für alle Genera. Wir haben dargelegt, dass es nicht verwendet wird, um zwischen Singular und Plural zu unterscheiden (wie es in Quenya der Fall ist). Was ist also der Unterschied? Es gibt nicht viel, auf das wir uns stützen können, aber in Quenya kennen wir die zwei Demonstrativ-Formen Q: sina (dieses), welches Dinge in der Nähe des Sprechers bezeichnet, und Q: tana (jenes), das Dinge bezeichnet, die sich weiter entfernt vom Sprecher befinden. Offensichtlich sind diese Demonstrativpronomen von den gleichen Stämmen S- und TA abgeleitet, die auch den Personalpronomen zugrunde liegen - wir können also mit einigem Recht die Verwendung dieser Pronomen als Orientierung benutzen.

Wir können diese Annahme am Korpus überprüfen: Im Narvi hain echant bezieht sich auf die Tore direkt vor dem Schreiber, also würde man erwarten, dass die S--Gruppe hier verwendet wird. Meril bess dîn bezieht sich auf Sams Ehefrau, die zu der Zeit, als Aragorn den Brief schreibt (oder jemanden den Brief schreiben lässt), weit entfernt ist. Schließlich bezieht sich caro den auf ein allgemeines 'es', das nicht ausdrücklich erwähnt wird. Es gibt also einen Grund anzunehmen, dass es sich nicht notwendigerweise in der Nähe des Sprechers befinden muss - daher ist die Wahl der TA-Gruppe verständlich. Dies ist allerdings vielleicht keine besonders stichhaltige Unterscheidung.

Teil V - Zusammenfassung

Warum solltet ihr all dies (naja, zumindest Teile davon) glauben? Zuerst, weil besonders der erste Teil auf bekannten Dingen fußt - keine abgehobene grammatikalische Hypothese ist erforderlich, um die meisten pronominalen Verbendungen in Sindarin abzuleiten und die meisten der Pronomen zu erhalten - man bekommt all dies fast umsonst durch Anwenden einfacher phonetischer Sprachentwicklungsmechanismen. Dort, wo man es überprüfen kann, also in der Identifikation von ni mit einem unbetonten Pronomen und von im mit der betonten Version, findet sich Übereinstimmung mit vorhandenen Texten, und in Situationen wie der Beschreibung von lammen muss eine Beschreibung, die nicht auf der Sprachentwicklungsgeschichte basiert, klar fehlschlagen. Alles in allem müssen die meisten Annahmen bei der Deutung von einzelnen Formen gemacht werden, eine Aufgabe, die extrem schwierig ist, weil Tolkien seine Absichten geändert hat - es gibt in diesen Fällen also keine endgültige Rekonstruktion. Die meisten der übrigen Annahmen (wie die einer Längung des Vokals in der Possessiv-Form) fußen auf Beobachtungen des Korpus, so dass es offensichtlich ist, dass derartige Dinge existieren, auch wenn wir keine Erklärung dafür haben. Also - denkt über das ganze Szenario ruhig einmal nach - es ist in der Lage, eine ganze Menge zu erklären...

Danksagung

Vielen Dank an Lothenon und Eirien für lange Diskussionen über diese Themen. Außerdem an Jana für die Übersetzung aus dem Englischen und an Tara für ständiges Misstrauen gegenüber meinen Ideen.

Die englische Originalversion dieses Artikels is zu finden unter
CE views on the Sindarin pronomial system

Thorsten Renk
thorsten@sindarin.de

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