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Des Gauners Handbuch zur Rekonstruktion von Sindarin-Worten

von Thorsten Renk

übersetzt von Katharina Golz

(Sammlung von Thorstens Essays und Kursen über Elbisch (englisch) mit dem Original dieses Aufsatzes: Parma Tyelpelassiva)

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Allgemeines

Teil I: Das CE-Stadium

Teil II: Das OS-Stadium

Teil III: Richtung Sindarin

Teil IV: Danksagungen

Verwendete Abkürzungen:

PQ: Primitive Quendian
CE: Common Eldarin
S: Sindarin
N: Noldorin
Q: Quenya

Warum nennt sich dieser Artikel 'Des Gauner's Handbuch'? Weil ich die Rekonstruktion von Worten nie als besonders gut empfinde. Warum ist dem so? Weil wir beim Rekonstruieren den klaren Pfad dessen verlassen, was attestiert ist und zu spekulieren anfangen; und hier beginnt sich die Grenzlinie zwischen dem Vernünftigen und dem Absurden schon bald zu verlieren. Man betrachte als einfaches Beispiel das Verb 'sein' im Sindarin. In LR:374 finden wir den Eintrag

NA- cf. ANA- be. Stem of verb 'to be' in Q. [NA- vgl. ANA- sein. Stamm des Verbs 'sein' im Q.]

Nun hätte Tolkien ebenso gut einfach Stamm des Verbs 'sein' schreiben und den Quenya-Teil auslassen können, tatsächlich tat er dies jedoch nicht. Also ist es gut möglich, dass er andeuten wollte, dass dies der Stamm des Verbs 'sein' im Quenya ist, nicht jedoch im Sindarin. Dies ist nicht weit hergeholt; in LR:348, finden wir mit dem Eintrag AM- ein klares Beispiel einer Wurzel, welche für Sindarin nicht relevant ist. Wenn wir also von einem Quenya-Verb ausgehen und seine Entsprechung im Sindarin konstruieren, wissen wir einfach nicht, ob wir etwas tun, was Tolkien auch getan hätte, oder nicht.

Offen gesagt bedeutet die Rekonstruktion von Wörtern und deren Gebrauch im Wesentlichen, Sindarin zu verlassen und im Neo-Sindarin zu schreiben. Es wird manchmal argumentiert, dass Tolkien bei Bedarf ein Wort auf ähnliche Weise konstruiert hätte; doch es bleibt die Tatsache, dass eine Rekonstruktion keineswegs ein einzigartiges Verfahren ist, und dass wir einfach nicht wissen, ob er das Ergebnis akzeptiert hätte. Dann gäbe es da noch das praktische Problem, dass ein Text vom Leser verstanden werden muss. Wenn der Leser nicht in der Lage ist, mit seinen eigenen Kenntnissen des Elbischen herauszubekommen, was ein elbischer Text aussagt, sondern lange Erklärungen zu den angewandten Rekonstruktionen benötigt, dann beinhaltet der Text vermutlich zu viele Rekonstruktionen.

Warum dann habe ich diese Anleitung verfasst? Weil es, obwohl Rekonstruktion eine schlechte Lösung ist, Situationen gibt, in denen ich die Alternative als noch schlechter empfinde; und wenn man in einer solchen Situation steckt, sollte man wenigstens wissen, wie man richtig rekonstruiert. Allgemein versuche ich, die Sätze so umzuformulieren, dass keine rekonstruierten Wörter notwendig sind. Aber gelegentlich hängt ein hundertzeiliges Gedicht von einem fehlenden Wort ab und jede Umschreibung würde extrem unpraktisch - in dieser Situation hat eine gute Rekonstruktion klar den Vorrang.

 

Allgemeines

In folgender Auseinandersetzung mit Rekonstruktionen beziehen wir uns nicht auf die eher klare Möglichkeit, Sindarin-Wörter durch Zusammensetzungen oder Präfixe zu bilden. Um zum Beispiel 'wieder sehen' auszudrücken, können wir durchaus das Präfix ad- (wieder) und das Verb cen- 'sehen' verwenden, um *achen (wiedersehen) zu bilden; und es gibt wirklich keinen Grund anzunehmen, dass man zu der CE-Wurzel jedes Elements zurückgehen muss um dieses Wort zu bilden.

Was im Folgenden behandelt wird, ist die Möglichkeit, dem Vokabular Wörter hinzuzufügen, welche (in interner Geschichte) keine modernen Zusammensetzungen darstellen würden, sondern wirkliche Wörter im bestehenden Korpus. Als Beispiel: Quenya kennt ein Wort für 'legen', Q: caita-, Sindarin hat kein solches attestiertes Wort. Indem wir jedoch bekannte Regeln phonetischer Veränderungen anwenden (deren Diskussion die Absicht dieses Artikels ist), können wir S: caeda- konstruieren, was offenbar kein zusammengesetztes Wort ist.

Um diese Art von Rekonstruktion durchzuführen, müssen wir die Entwicklung der elbischen Sprache verstehen, nicht nur ihren 'endgültigen' Zustand. Typischerweise sind Rekonstruktionen im Sindarin ein dreiphasiger Prozess.

a) Von einer CE-Wurzel ausgehend werden Elemente zur Herleitung von Wörtern gebraucht um Verben, Adjektive und Substantive aus diesem Stamm zu bilden.
  

b) Danach durchläuft das resultierende CE-Wort Veränderungen, welche auf das Stadium des Altsindarin hinauslaufen. Hier treten sehr wahrscheinlich bestimmte Vokal- und Konsonant-Verschiebungen auf.
   

c) Schließlich treten noch mehr Veränderungen auf, wenn man vom Altsindarin zum modernen Sindarin kommt; finale Vokale entfallen und die wohlbekannten Mutationen und i-Umlautung tauchen auf.

Wir werden diese drei Abschnitte etwas detaillierter diskutieren, wenn auch nicht in ihrer vollen Komplexität, und im Folgendem Beispiele für attestierte Worte und Rekonstruktionen geben.

Wir werden die Verfahrensweise der Rekonstruktion für die folgenden Beispiele genauer durchführen:

Beispiel 1: Wir suchen ein Verb im Sindarin, welches Q: caita- (legen) entspricht

Beispiel 2: Wir suchen ein Verb 'lernen' im Sindarin

Beispiel 3: Wir versuchen, ein Wort für 'Privileg' zu konstruieren

Beispiel 4: Wir suchen ein Word für 'verführen'

Beispiel 5: Wir versuchen, ein Wort für 'Sattel' zu konstruieren

 

Teil I: Das CE-Stadium

In diesem Teil des Artikels werden wir untersuchen, wie ein Wort im CE aus dem Stamm gebildet wurde und welchen Veränderungen der Stamm im Laufe dieses Prozesses unterliegen kann. Diese Abhandlung hier ist weit entfernt von einer kompletten Auflistung aller Möglichkeiten, und beabsichtigt, die wichtigsten dieser Entwicklungen aufzuzeigen.

 

1. Stämme und ihre Veränderungen

Stämme oder primitive Wurzeln sind die grundlegenden Bausteine der elbischen Wortherleitung. Während sie selber als solches keine Wörter in irgendeiner elbischen Sprache darstellen, scheint jedes Wort im Elbischen aus einem (veränderten) Stamm mit der fakultativen Ergänzung eines ableitenden Suffix gebildet zu sein. Tolkien selbst nennt die Theorie der Stamm-Veränderung sundokarme. Wir wollen damit beginnen, die verschiedenen Arten von Stämmen zu charakterisieren:

Jeder Stamm besteht aus einer Konsonant-Basis (sundo) und einem bestimmten Vokal (sundóma). Je nach der Anzahl der enthaltenen Konsonanten können wir drei unterschiedliche Typen von Stämmen unterscheiden (es ist zu bemerken, dass im Folgenden die Worte hinter jedem Stamm keine Übersetzung dessen darstellen; dies ist nicht möglich, da ein Stamm selber normalerweise kein gültiges Wort ist, sondern eher eine Beschreibung seiner Bedeutung):

a) 1-Konsonant Stämme, z.B. ES- (anzeigen, nennen)

b) 2-Konsonant Stämme, z.B. NAK (beißen)

c) 3-Konsonant Stämme, z.B. GARAT (Feste, Festung)

Es ist zu beachten, dass die beiden Vokale in den 3-Konsonant Stämmen normalerweise das selbe bestimmte sundóma sind. Des weiteren zählen wir Stämme wie KWAT (voll) zu den 2-Konsonant Stämmen, weil der Cluster KW nicht durch einen Vokal durchbrochen wird und eigentlich einen einzelnen Laut darstellt. Der Stammvokal kann bei Bedarf nach dem letzten Konsonanten wiederholt werden, d.h. ES und ESE wären zwei Repräsentanten des im Wesentlichen gleichen Objekts.

Einen Stamm auszuwählen bestimmt im Grunde das 'Thema' aller abgeleiteten Worte. Ein Stamm kann dennoch weiter modifiziert werden um Variationen des Themas zu beschreiben. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dies zu tun:

a) Stammvokal als intensivierendes Präfix:

Den Stammvokal zu wiederholen und voranzustellen führt normalerweise zu einer intensiveren Variante der Grundbedeutung des Stammes; also LAK (flink) aber ALAK (wild); NAR (Feuer) aber ANAR (Sonne); THIL (silbern scheinen) aber ITHIL (Mond), LED (gehen, fahren) aber ELED (abreisen, verlassen). Manchmal, wenn der Stammvokal vor- und nachgestellt wird, kann er aus der mittleren Position verschwinden, vgl. RUK (fürchten) mit der Variante URKU (über URUKU).

b) A-Infixion als intensivierende Modifizierung:

Alternativ kann ein A-Infix als intensivierendes Element wirken. Dies ist vermutlich nur möglich, wenn der Stammvokal ein I oder ein U ist. Siehe z.B. RUK (fürchten) aber RAUK (schreckliche Kreatur); TUR (Macht) aber TAUR (sehr mächtig).

c) Verstärkung zu nasalierten Stopps

Stämme, die mit B, D, G oder M, N und Ñ beginnen, können verstärkt werden, indem sie zu MB, ND oder ÑG gemacht werden. Diese Verstärkung entspricht anscheinend einer Erweiterung des Themas des Stammes auf abstrakterer Ebene; manchmal bezeichnet diese auch die Konsequenzen des Stammes, siehe z.B. NAK (beißen) und NDAK (erschlagen), BAD (richten) und MBAD (Zwang, Gefängnis), DUL (verstecken, verheimlichen) und NDUL (dunkel, undeutlich).

d) Verstärkung durch Wiederholen eines Konsonanten

Manchmal wird ein Konsonant innerhalb eines Stammes wiederholt um eine intensivierte Bedeutung zu erhalten (dieser Konsonant kann durch Wiederholen des Stammvokals in den Stamm gebracht werden), z.B. BAT (gehen) und BATTA (trampeln).

e) Erweiterung des Stammes

Letztendlich gibt es auch noch die Möglichkeit, dass ein Stamm den Stammvokal wiederholt (dies wird auch ómataina genannt) und dann auf einen zusätzlichen Konsonanten N, K, T, oder S endet. Diese Stammerweiterung scheint wieder ein Resultat des zugrunde liegenden Themas oder eine abstraktere Entwicklung zu bezeichnen, z.B. OR (aufsteigen) und OROT (Höhe, Berg), KIR (schneiden) und KIRIK (Sichel).

 

2. Ableitende Suffixe

Nachdem wir das Thema des Wortes spezifiziert haben, welches wir konstruieren wollen und beschlossen haben, ob wir eine intensivierte, verstärkte oder erweiterte Variante dieses Stammes gebrauchen wollen, müssen wir uns nun für die Wortart entscheiden. Dies können wir tun (und der Bedeutung weitere Nuancen hinzufügen), indem wir passende ableitende Suffixe auswählen. Im PQ fügen wir diese Suffixe direkt an den Stamm an, ohne uns darum zu kümmern, ob irgendwelche unpassenden Laute entstehen. Im nächsten Abschnitt werden wir die Veränderungen diskutieren, wenn wir zu CE-Wörtern übergehen.

1) Verbableitung

Verben treten entweder als Stammverben auf (ohne irgendein Suffix) oder als abgeleitete Verben; die zweite Klasse ist zahlreicher und verspricht somit mehr für die Bildung neuer Verben. Als ableitende Suffixe finden wir

a) -tâ

Dieses Suffix hat eine starke Tendenz, kausative und transitive Verben zu bezeichnen (Verben, die eine Tätigkeit beschreiben, die an einem Objekt verrichtet wird). Wir finden z.B. tultâ (kommen lassen, herbeirufen, holen) von TUL (kommen), maktâ (kämpfen, eine Waffe führen) von MAK (Schwert), k'riktâ (schneiden) von KIRIK (Sichel) usw.

b) -yâ

Abgeleitete Verben mit diesem Suffix haben eine eingeschränkte Tendenz, intransitiv zu sein, d.h. sie beschreiben Tätigkeiten, die nicht direkt an einem Objekt verübt werden, z.B. ulyâ (es regnet) von UL(U) (regnen, fließen) oder beryâ (wagen) von BER (tapfer).

c)

Dies ist ein seltenes ableitendes Element und es bringt Verben der gemischten Konjugation im Sindarin hervor. Es scheint ihm keine bestimmte Bedeutungsnuance zugeordnet zu sein.

2) Adjektivableitung

a) -i

Die meisten Farbadjektive sind mit dieser Endung abgeleitet, vgl. karani (rot) von KARÁN.

b) -kâ (-ka)

Eine unspezifische Adjektivendung, vgl. lauka (warm) von LAW (warm).

c) -nâ

Dies wird oft gebraucht um Adjektive zu bilden, die auch als Partizip Perfekt Passiv gelten könnten, vgl. skarnâ (verwundet) von SKAR (zerreißen, trennen).

3) Substantivableitung

Es gibt eine ganze Menge von ableitenden Substantiv-Suffixen; wir werden hier nur einige von diesen diskutieren:

a)

Dieses Suffix bezeichnet oft unfassliche, abstrakte Dinge, vgl. ñgôlê (Wissenschaft, Philosophie) von ÑGOL (weise). Oft wird der Stammvokal gelängt, wenn dieses Suffix hinzugefügt wird.

Eine zweite Bedeutung dieser Endung bezeichnet Stoffe, vgl. kyelepê (Silber) von KYELEP (silbern).

b) -dô, -ô, -rô (männlich) und -dê, -ê, -rê (weiblich)

Diese werden gebraucht um Personen zu bezeichnen, die eine Tätigkeit ausüben, vgl. lindô (Sänger) von LIN (singen).

c) -la

Dieses Suffix bezeichnet einfach einen Gegenstand oder eine Person, vgl. makla (Schwert) von MAK (Schwert).

d) -mâ

Dieses Suffix bezeichnet oft Ausstattungen und Gebrauchsgegenstände, vgl. takmâ (Werkzeug zum Befestigen) von TAK (befestigen) oder sukmâ (Trinkgefäß) von SUK (trinken). Manchmal beschreibt es nur vage ein Objekt, welches mit dem Stamm in Verbindung steht, vgl. parmâ (Buch) von PAR (komponieren, zusammentun).

e) -mê

Dieses Suffix bezeichnet vorrangig Verbalsubstantive, die dem Englischen Gerundium auf '-ing' entsprechen, vgl. yulmê (Trinken; 'drinking') von YUL (trinken), aber oft mit abstrakterer Bedeutung, vgl. tekmê (Buchstabe) von TEK (ein Zeichen machen).

f) -sê

Diese Endung wird häufig verwendet um das Resultat der Handlung zu beschreiben, welche die Wurzel bezeichnet, vgl. khotsê (Versammlung) von KHOTH (versammeln).

(Es sei angemerkt, dass es noch mehr ableitende Suffixe im CE gibt als die (wohl gebräuchlichsten), die hier aufgezählt sind - eine detailliertere Diskussion ist in Helge Fauskangers Essay Primitive Elvish zu finden.)

 

3. Lautveränderungen

Wenn wir nun ein Wort aus Stamm und Suffix gebildet haben, treten einige Veränderungen auf:

Konsonantenveränderungen:

a) y wird vor Konsonanten zu i, z.B. kaitâ aus KAY + -tâ; w zu u

b) Die Kombination bm wird umgedreht, vgl. PQ: labmê -> CE: lambê

c) PQ: sd wird zu CE: zd und PQ: ds zu CE: ts

d) -h- als Inlaut entfällt, vgl.: die Endung PQ: -hô wird zu CE: -ô

Vokalveränderungen:

a) Die kurzen finalen Vokale -a, -e und -o entfallen

b) Kurzes finales -i wird zu -e

 

4. Beispiele

Beispiel 1: 

Es ist nicht schwer Q: caita- in den Stamm KAY und das ableitende Verbsuffix -tâ zu zerlegen. Im CE führt dies direkt zu CE: kaitâ (liegen).

Beispiel 2: 

Ein passender Ausgangspunkt für ein Verb 'lernen' wäre die Wurzel ÑGOL (weise). Da 'lernen' eher nicht mit einer intensivierten Form 'außerordentlich weise' in Zusammenhang steht und ebenso wenig ein abstraktes Resultat darstellt, benutzen wir hier den unveränderten Stamm. 'Lernen' scheint keine kausative oder transitive Bedeutung zu haben (anders bei 'lehren' = 'wissen lassen, wissend machen'), also bewahren wir uns die Endung -tâ für 'lehren' und setzen stattdessen die intransitive Endung -yâ fest, was in CE: *ñgolyâ (lernen) resultiert.

Beispiel 3: 

Die Wurzel, die 'Privileg' am nächsten liegt, wäre wohl DAB (Platz machen, erlauben, gestatten). Dies ist dennoch nicht ganz die gewollte Bedeutung, also verstärken wir die Wurzel, um das Resultat des Erlaubens zu bezeichnen, woraus *NDAB (Privileg) hervorgeht. Wir entscheiden uns für die Substantivendung, um unfassliche Dinge zu bezeichnen, was in CE: *ndabê (Privileg) resultiert.

Beispiel 4:

'verführen' hat definitiv etwas mit 'zum Lieben veranlassen' zu tun, also wählen wir einigermaßen zuversichtlich das kausative Verbsuffix -tâ um CE: *meltâ zu konstruieren.

Beispiel 5: 

'etwas, das mit einem Pferd zu tun hat' ist wohl nicht die beste mögliche Beschreibung für einen Sattel, aber um der Erörterung willen wollen wir diese Form wählen (welche später zu interessanten Entwicklungen führen wird) und -la als Suffix gebrauchen, woraus sich PQ: *rokla bildet.

 

Teil II: Das OS-Stadium

In der Entwicklung von CE zu OS unterliegen sowohl Vokale als auch einige Konsonanten-Gruppen bekannter Lautveränderungen. Hier versuchen wir die häufigsten dieser darzustellen.

1. Vokal-Veränderungen

Die kurzen finalen Vokale -a, -e und -o sind bereits im CE-Stadium entfallen, und die, welche noch da sind, werden entfallen, wenn wir die Veränderungen zum Sindarin diskutieren; es ist also zum Zwecke der Rekonstruktion wahrscheinlich nicht wirklich wichtig, ihnen nachzugehen. Ein kurzes finales -u im PQ scheint jedoch zu -o zu werden.

Nichtfinale kurze Vokale bleiben unverändert.

Lange finale Vokale werden im OS gekürzt, vgl. CE: bélekâ -> OS beleka (mächtig).

Für nichtfinale Vokale treten die drastischsten Veränderungen auf. Hier finden wir

â -> ó

ê -> í

ô -> ú

und unverändert

î -> í

û -> ú

Siehe z.B. CE: ndâkô -> OS: ndóko (Krieger, Soldat) oder CE: *rômâ -> OS: rúma.

In Tolkiens späterer Konzeption scheint dennoch eher

â -> å

relevant zu sein; dieser Laut entwickelte sich später zu au oder o in Sindarin, z.B. CE: nâbâ -> OS: nåv -> nauv > S: naw (Grube).

Einige attestierte Diphthong-Veränderungen sind

ai -> ai

ay -> ae

ew -> eu -> iu

euy -> iui -> ui

Siehe z.B. CE: beuyâ -> OS: buia.

 

2. Konsonant-Veränderungen

 

Eine bekannte (und frühe) Veränderung im OS-Stadium ist kw -> p (im Quenya wird dieses stattdessen zu q), siehe z.B. CE: *kwantâ -> OS: panta (voll). Dies wird am Anfang angesprochen, da viele der folgenden Veränderungen mit p, t oder k zu tun haben und kw -> p als erstes erklärt werden muss.

Eine große Gruppe möglicher Veränderungen wirkt sich auf die Konsonanten p, t und k aus. Hier muss im Wesentlichen Stopp Mutation durchgeführt werden, d.h.

kk -> kkh

pp -> pph

tt -> tth

(diese Zusammensetzungen werden später im Sindarin zu ch, ph und th) und ebenso die Veränderungen der Liquid Mutation, d.h.

lk -> lkh

lp -> lph

lt -> lth

 

rk -> rkh

rp -> rph

rt -> rth

 

Zusätzlich sehen wir einige Fälle der Nasal-Mutation:

nt -> nth

Am Wortanfang finden wir s- sich in ähnlicher Weise verhalten (nicht jedoch im Wortinneren):

st -> sth (Wortanfang)

sp -> sph (Wortanfang)

sk -> skh (Wortanfang)

(diese Zusammensetzungen werden auch später im Sindarin zu ch, ph und th werden)

Siehe z.B. CE: alkwâ -> alpa -> OS: alpha (Schwan).

Die oben aufgezeigten Veränderungen tauchen auf, wenn k, p und t andere Konsonanten nach sich ziehen. Trotzdem werden auch diese Laute verändert, wenn k, p und t vor Nasalen stehen. In diesen Fällen werden die Laute weich mutiert:

km -> gm

kn -> gn

 

pm -> bm

pn -> bn

 

tm -> dm

tn -> dn

Siehe z.B. CE: yatmâ -> OS: yadme (Brücke).

Die (in Quenya) eher häufig auftauchenden Konsonanten-Gruppen ky, ty, ry, ny und sy verlieren in diesem Stadium offensichtlich das y. Wahrscheinlich wird sy- am Wortanfang zu h- (sicherlich ist dem im späteren Sindarin nicht so, also ist der Unterschied für unsere Zwecke eher akademisch).

ty -> t

ky -> k

ry -> r

ny -> n

sy -> s

sy -> h (Wortanfang)

Siehe z.B. CE: kyelepê -> OS: kelepe.

Wenn y kein Teil einer solchen Zusammensetzung ist, wird es in den vollen Vokal i umgewandelt, vgl. CE: *skalyâ -> OS: skhalia (verhüllen, verheimlichen). Am wichtigsten ist dies für die Verbendung -yâ.

Schließlich tauchen wahrscheinlich noch viele andere Assimilationen auf:

bn -> mn

sm -> mm (nur im Wortinneren)

nm -> mm

dn -> nn

sr -> rrh

ln -> ll

ht -> tt

hs -> ss

 

3. Beispiele

Beispiel 1: 

Dies bringt CE: kaitâ -> OS: *kaita hervor; die einzige Veränderung ist die Verkürzung des finalen Vokals.

Beispiel 2: 

Hier finden wir CE: *ñgolyâ -> OS: *ngolia; die Endung wird kurz und der Halbvokal y wird zu i.

Beispiel 3:

Für dieses Beispiel bekommen wir CE: *ndabê -> OS: *ndabe; nur der finale Vokal verkürzt sich.

Beispiel 4: 

Liquid Mutation bewirkt CE: *meltâ -> OS *meltha; wieder ist die Verkürzung des finalen Vokals zu beobachten.

Beispiel 5: 

CE: *rokla -> OS: *rokla bleibt im Wesentlichen unverändert.

 

Teil III: Richtung Sindarin

In der Entwicklung Richtung ausgereiftem Sindarin begegnen wir dem selben Phänomen, welches jedem Sindarin-Lernenden das Leben schwer macht: i-Umlautung und Lenition. Zusätzlich zeigen einige Konsonanten-Gruppen ein Verhalten, welches nicht mit der Standard-Tabelle der Mutationen übereinstimmt.

1. Vokalentwicklung

Geht man in Richtung modernen Sindarins, kann eine starke Veränderung in der Vokal-Struktur beobachtet werden. Die bekannteste ist die i-Umlautung:

Während der Entwicklung von OS zu Sindarin neigt das Vorhandensein des Vokals i in einem Wort dazu, die anderen Vokale in diesem Wort zu beeinflussen. Diese Vokalveränderungen sollte der Sindarin-Lernende von der Pluralbildung her kennen (wenn Sie nicht wissen, wie im Sindarin der Plural gebildet wird, dann ist dies zur Zeit nicht der richtige Artikel für Sie). Tatsächlich wird der Sindarin-Plural exakt so gebildet, weil ein OS Plural-Marker i an die Worte gehängt wird, welcher i-Umlautung auslöst. Für das aktuelle Vorhaben ist es dennoch auch von Bedeutung, dass die Verbendung OS: -ia (abgeleitet von CE: -yâ) ohne Plural zur i-Umlautung führt. In der Tat würde jede Endung, die ein i hinzufügt, dazu führen; diese sind nur die häufigsten Fälle. Es gibt dennoch einen feinen Unterschied mit der Verbendung:

Normalerweise endet ein OS-Verb nicht auf den einfachen Stamm, sondern eher auf eine beugsame Endung, z.B. OS: *baria-so (er beschützt). Würden wir i-Umlautung für den einfachen Stamm durchführen, wäre das Ergebnis **beiria, doch tatsächlich ist das a nicht der letzte Vokal (abgesehen von dem i) wenn beugsame Endungen vorhanden sind, und somit führt i-Umlautung zu beria-so (welches später weitere Veränderungen durchläuft; siehe den nächsten Abschnitt).

Andererseits können wir beim Betrachten von OS: arani (Könige) den Unterschied erkennen. Hier steht i wirklich am Ende, ein a ist der vorletzte Vokal, und damit erzeugen wir eine Zwischenstufe ereini (die Änderung ei -> ai ist eine spätere Entwicklung).

Nachdem i-Umlautung durchgeführt wurde, entfällt im Sindarin jeder finale Vokal (bzw. jede Kombination), die einzige Ausnahme stellen Vokale in einsilbigen Wörtern dar (selbst Sindarin bringt keine Wörter ohne Vokale hervor). Somit würde ein Pronomen ON: ho im Noldorin nicht zu h werden, sondern N: ho bleiben (dies würde wohl in Sindarin S: so sein).

Wir bewegen uns also in Richtung des Systems der Pluralbildung des Sindarin: Im Beispiel oben würde ereini zu erein werden.

Es sei wiederholt angemerkt, dass ein Verbstamm beria- (nach i-Umlautung) nicht wirklich in dieser bloßen Form in der Sprache gefunden würde, somit entfällt die Endung -ia nicht, sondern wird durch eine beugsame Endung geschützt und bleibt deswegen normalerweise erhalten (für Details siehe unten).

In einem letzten Schritt wird ei in der letzten Silbe zu ai, womit S: erain (Könige) entsteht. Hier sei die Entwicklung einiger scheinbar unregelmäßigen Plurale angemerkt: Vom OS: makla (Schwert) finden wir die Zwischenstufe meiklai. Verlust des finalen Vokals erzeugt meikl, was schwer auszusprechen ist, weswegen im Sindarin ein o eingefügt wird. Eine letzte Mutation bringt dann den Plural S: meigol hervor. Dies ist besonders für die Substantivendungen im CE relevant, die mit -l oder -r beginnen, wie CE: -la.

Der Diphthong ai wird zu ae verändert.

 

2. Konsonantentwicklung

Einige der Konsonant-Veränderungen sind einfach nur Änderungen in der Schreibung: Im Sindarin wird eher c geschrieben als k im OS; finales -v wird stattdessen als -f geschrieben, finales -w (wenn es einem Konsonanten folgt) wird als -u geschrieben. Einige andere Konsonanten-Gruppen werden leicht verändert:

kkh -> ch

pph -> ph (f)

tth -> th

kh -> h

und initiales s- entfällt in den Kombinationen

sth -> th (Wortanfang)

sph -> ph (Wortanfang)

skh -> ch (Wortanfang)

Die nasalierten Stopps nd, mb und ñg werden im Sindarin zu Stopps verändert, wenn ein Wort mutiert wird, tauchen diese jedoch wieder auf, womit sie zu den Spezialfällen der Mutationen werden:

nd -> d

mb -> b

ñg -> g

Zum Beispiel wird OS: ndair (Bräutigam) zu S: daer.

Die bekannteste Veränderung betrifft einzelne Konsonanten und gewisse Konsonanten-Gruppen, die auf Vokale folgen: Für einzelne Konsonanten sehen wir die Folgen der Lenition.

Somit wird OS: beleka (groß, mächtig) zu S: beleg (Verlust des finalen Vokals und Lenition k -> g), OS: *atan (Mann) wird zu S: adan, OS: ndakro -> S: dagor

Längere Konsonanten-Gruppen sind schwieriger. Einige bleiben offenbar unverändert, selbst wenn ihnen ein Vokal vorausgeht:

mm -> mm

ss -> ss

nt -> nt

nd -> nd (manchmal nn)

ll -> ll

st -> st

nc -> nc

ng -> ng

ngw -> ngw

Siehe z.B. OS: brasse -> S: brass (Weißglut)

Andere erfahren Lenition für den ersten Konsonanten (wenn ihnen ein Vokal vorausgeht):

kl -> gl

kr -> gr

tl -> dl

Siehe z.B. OS: etled- -> S: edledhia- (ins Exil gehen), OS: ndakro -> S: dagor

Bei denen, die Liquide an erster Position haben, sehen wir die Auswirkungen der Liquid Mutation (soweit diese bisher noch nicht für p, t, k im OS-Stadium durchgeführt wurde). Natürlich wird der liquide Laut selbst nicht von einem vorausgehenden Vokal beeinflusst:

lm -> lv

rm -> rv

rg -> r

lg -> l

rn -> rn

Siehe z.B. OS: parma -> S: parf (Buch), OS: dalma -> S: dalf (Handfläche).

Andere werden assimiliert:

ld -> ll

mb -> mm

ks -> s (?)

dm -> nt

Siehe z.B. OS: belda -> S: bell (stark) OS: lambe -> lamme -> lamm -> S: lam.

Man muss dennoch daran denken, dass finales -ss, -mm oft als -s, -m geschrieben wird, vgl. OS: lambe -> lamm -> S: lam (Zunge). Ein finales -h entfällt spurlos. Desweiteren, wenn nicht final, tauchen oft folgende Assimilationen auf:

nt -> nn

nd -> nn

nc -> ng

Zum Beispiel OS: *anta -> S: anna (geben).

Als Randbemerkung: Diese Entwicklung hilft vielleicht, ein wenig Licht auf die Form S: lammen (meine Zunge) zu werfen, welcher Q: lambenya entspricht. Wenn man nun versuchsweise die Existenz einer CE-Possessivendung -nya, -na annimmt, welche für Sindarin und Quenya relevant ist (die genaue Form tut nichts zur Sache), können wir die Form mit OS: *lambe-na -> *lamben -> S: lammen erklären, d.h. das -e- erscheint eher als erhaltene Endung von CE: lambê als als Teil einer Endung ?-en.

 

3. Endvokale im Sindarin

Es gibt im Wesentlichen drei Möglichkeiten, wie ein finaler Vokal im Sindarin erhalten bleiben kann:

a) in einem einsilbigen Wort, vgl. OS: *na -> S: na (zu, nach).

b) als ein finales -w nach einem Konsonanten, vgl. OS: *tinwe -> tinw -> S: tinu (Funke).

c) geschützt durch ein -sV (wobei V irgendeinen Vokal darstellt).

Die letzte Kombination ist besonders relevant für Verben, da die 3. Person eines Verbs eine Endung -so, -se, -sa beinhalten würde. Somit bleibt bei OS: linda-so -> linna-ho -> linna-h -> S: linna- der Vokal erhalten. Dies ist der Grund, warum das finale -a der A-Verben allgemein nicht neben all den anderen Endvokalen entfällt.

 

4. Beispiele

Beispiel 1: 

Von OS: *kaita ausgehend ändern wir die Schreibweise k -> c, wandeln ai -> ae um und lenieren t -> d. Da wir es mit einem Verb zu tun haben, erhalten wir die Endung und bekommen S: *caeda-.

Beispiel 2: 

Indem wir ng -> g schreiben und i-Umlautung o -> i vornehmen, erhalten wir OS: *ngolia- -> S: gelia- (lernen). Wieder belassen wir die Endung. Dieses Verb unterliegt der Spezialfall-Mutation, wir fänden also i ngelia (der lernt).

Beispiel 3: 

Wir schreiben nd -> d (und bedenken, dass dieses Wort Spezialfall-Mutation unterliegen wird), wir trennen uns vom finalen Vokal, mutieren b -> v und denken daran, finales -v als -f zu schreiben um OS: *ndabe -> S: *daf (Privileg) zu erhalten.

Beispiel 4: 

OS: *meltha -> S: *meltha- (verführen) bleibt unverändert.

Beispiel 5: 

OS: *rokla wird nach Verlust des finalen Vokals und Mutation zu rogl. Wie bei OS: makla (Schwert), wird im Sindarin ein o eingefügt, was in S: *rogol (Sattel) resultiert. Dieses Wort bildet den Plural jedoch nicht als **regyl, sondern als *rygol.

 

Teil IV: Danksagungen

 

Ich bin Helge Fauskanger dankbar für seine Essays Primitive Elvish und Old Sindarin. Zum Erarbeiten dieses Artikels habe ich starke Verwendung für die vorbereiteten Informationen in diesen Arbeiten gefunden, welche den Gebrauch der unmittelbaren Quelle, den Etymologies, sehr erleichterte. Außerdem bin ich Maewen für die Übersetzung ins Deutsche zu Dank verpflichtet.

Die englische Originalversion dieses Artikels ist zu finden unter
A rouge's guide to Sindarin word reconstruction

 

Thorsten Renk

thorsten@sindarin.de